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G. Rahmstorf: Kognition, Szientographie, Internet-o-metrie

Kommentar hierzu von P. Jaenecke

Wir leben in der Wissensgesellschaft. Das aktuelle Thema in der Wirtschaft ist das Wissensmanagement. Die Politiker wollen ein günstiges Klima für Bildung, Wissenskommunikation und Innovationen schaffen. Sind das alles nur Schlagworte? Befinden wir uns gerade auf dem Höhepunkt einer kurzfristigen Mode, die von den Fachjournalisten in den Medien gepflegt wird, oder vollzieht sich mit dem Wissen, das seit Jahrhunderten gewonnen, gesammelt und vermehrt wird, gerade jetzt etwas ganz Neues?

Das Großartige an dem Thema Wissen ist nicht das Internet und die rasante Entwicklung der Telekommunikation und Computertechnik. Was mich erstaunt, ist, daß wir trotz aller Fortschritte in der kognitiven Psychologie und den Neurowissenschaften nicht verstehen, was unser subjektives Wissen eigentlich ist und wie es in unserem Gedächtnis codiert ist. Damit hängt auch zusammen, daß wir kein Modell von dem objektivierten sprachinvarianten Wissen haben, von dem die einzelnen Texte in dieser oder jener Sprache jeweils nur Ausschnitte oder Bruchstücke vermitteln.

Wissenstheorie müßte beschreiben können, was Wissen ist. Dazu müßte man sagen können, woraus sich das Gesamtwissen zusammensetzt und in welcher Weise bestehendes Wissen durch neues Wissen erweitert wird. Logiker setzten mit dem Begriff oder mit dem Urteil eine Basiseinheit des Wissens an den Anfang. Linguisten versuchen, von der Grammatik der Einzelsprachen ausgehend, aus Sätzen so etwas wie sprachinvariante Propositionen zu abstrahieren und als Wissenseinheiten zu postulieren. Von der Psychologie kommend, ist man geneigt, die durch Wahrnehmung unterscheidbaren Gegenstände und die mit diesen Gegenstandsrepräsentationen verbundenen Kategorisierungen, als Grundeinheiten des Wissens zu betrachten. Denken, Sprache, Wahrnehmung und möglicherweise weitere Geistestätigkeiten müßten daher in einer Wissenstheorie berücksichtigt werden.

Eine solche Beschreibung der allgemeinen Eigenschaften von Wissen beliebiger Art, kurz Szientographie genannt, ist nicht dasselbe wie Wissenschaftstheorie. Wissenschaftstheorie befaßt sich mit der Erkenntnis von Tatsachen, mit den Methoden der Erkennens und Schließens, dem Aufbau von Theorien, den Methoden, die Wahrheit sicherstellen, und mit situativen und gesellschaftlichen Faktoren, die die Prozesse von Forschung und Wissenschaft bestimmen. Was Wissen ist, wird dabei nicht explizit gefragt. Der ganze Ansatz der Wissenschaftstheorie ist durch die formale Logik geprägt und damit auf einen Aspekt eingeengt.

Wissen wird nur in bestimmten Gebieten und nur im fortgeschrittenen Stadium in Gestalt von formalisierten und quantifizierten Theorien dargestellt. Zum Wissen gehört auch das Nichtformalisierbare, das, was nur vage faßbar ist und das, was wir gar nicht zum Thema von Wissenschaft machen. Wir können Wissen bisher nicht quantifizieren. Texte lassen sich messen, sind aber nicht mit Wissen gleichsetzbar. Voraussetzung für die Quantifizierung von Wissen ist die Beschreibbarkeit von Wissen und damit die Identifizierung von Wissenseinheiten bzw. Maßeinheiten für Wissen.

Praxis kommt ohne Theorie nicht aus. Die Theorie der Szientographie sollte helfen, zu anwendbaren Ergebnissen zu kommen. Heute ist Innovationsförderung gefragt. Daher sollte ein Ergebnis darin bestehen, daß wir die Grenze zwischen unseren Erkenntnissen und unserem Nichtwissen viel expliziter als bisher angeben können. Nur wer die Lücken des Wissens kennt, kann gezielt an Erkenntnisgewinn arbeiten. Forschungsgrenzen müssen abfragbar gemacht werden können. Das aber heißt, daß nicht nur die Einzelheiten des Wissens an der vordersten Front der Forschung in den verschiedenen Fachgebieten vertextet, in der jeweiligen Sprache formuliert und dokumentiert werden, sondern auch, daß die Leerstellen vor der Wissensgrenze auffindbar gemacht werden müssen.

Zu einem positiven Klima für Innovationen gehört natürlich auch eine fundierte Sachkenntnis der jeweiligen Materie, zu der Entdeckungen und Erfindungen beigesteuert werden sollen. Diese Sachkenntnis ist eine Bildung in einem Spezialgebiet. Sie besteht nicht nur im Kennen von einzelnen Sachverhalten, sondern im Verstehen von Zusammenhängen, Abhängigkeiten und anderen Beziehungen zwischen den Gegenständen des Fachgebietes. Wissensorganisation für Forscher und Entwicklungsabteilungen muß daher das Orientierungswissen der Spezialisten unterstützen. Retrievalsysteme sollten Rechercheergebnisse nicht nur in Listenform ausspucken, sondern gefundene Information und gefundene Wissenslücken in einer systematischen Ordnung präsentieren. Etwas, was schon oft totgesagt wurde, die systematische Klassifikation der Bibliothekare sowie die Thesauren und andere inhaltliche Orientierungsmittel, kommen in methodisch weiterentwickelter Form wieder zu neuem Leben.

Telekommunikation, Datenbanken, Webtechnologie und Computer sind heute Voraussetzungen des wissenschaftlichen und technischen Arbeitens. Entscheidend ist aber jetzt, daß diese Techniken durch Methoden und Programme der Wissensorganisation so ergänzt werden, daß die Effizienz des Arbeitens und damit auch die Kreativität der Wissensgesellschaft weiter vorangebracht wird.

Damit kommen wir zur Modeströmung des Wissensmanagements zurück. Auffällig ist, daß dieses Thema entweder aus der Sicht der Betriebsorgansisatoren oder aus der Sicht der Softwarespezialisten bzw. der Wirtschaftsinformatiker behandelt wird. Mit dem Thema lassen sich hochkarätige Seminare für Manager füllen. Eine Fachgesellschaft, die genau das Wissensthema zu ihrer Sache macht oder doch machen sollte, ist die ISKO. Eigentlich müßten wir sehr gefragt sein. Vielleicht arbeiten wir zu bescheiden im Hintergrund. Versuchen wir also die Brücke zu schlagen von der Szientographie über die praktische Wissensorganisation zur Mitentwicklung von Produkten und zur Beratung der Wirtschaft. Ich möchte Sie daher, angeregt und unterstützt durch den Vorstand der ISKO, insbesondere durch Herrn P. Ohly, bitten, zur 6. Tagung der Deutschen Sektion der ISKO vom 23.-25.9.1999 in Hamburg, Thema "Globalisierung und Wissensorganisation", zu kommen. Abstracts für Beiträge zu unserem Thema hier oder zu anderen Themen unserer Tagung werden bis zum 30.4.99 erwartet. Weitere Hinweise finden sich im vorläufigen Programm.

Prof. Dr. Gerhard Rahmstorf
Oberer Rainweg 57
D-69118 Heidelberg
Tel. 06221-808129
Fax 06221-802682

rahmstorf@regio-info.de

8 Mar 1999