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Peter JAENECKE

WOZU WISSENSORGANISATION?

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Kommunikationstheoretische Grundbegriffe
  3. Wissensmisere
  4. Rekursive Mechanismen bei der Wissensgewinnung
  5. Wissensorganisation
  6. Resümee

Zusammenfassung:

Der vorliegende Diskussionsbeitrag dient der Standortbestimmung von Wissensorganisation. Zunächst werden einige kommunikationstheoretische Grundbegriffe präzisiert. Die neuen Begriffe erlauben die Feststellung, daß gegenwärtig keine Informations-, sondern eine Nachrichtenflut herrscht, und daß es unzulässig ist, letztere undifferenziert mit einer Wissensflut gleichzusetzen. Nachrichten müssen nach ihrem Gehalt beurteilt werden. Zu diesem Zweck wird Wissen in Kern-, Rand- und Pseudowissen unterteilt; es wird die Vermutung geäußert, daß der weitaus überwiegende Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen Rand- und Pseudowissen betrifft. Anhand von zwei ineinandergreifenden und sich selbst verstärkenden rekursiven Mechanismen wird gezeigt, wie Pseudowissen vor allem außerhalb der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer immer mehr um sich greift, also gerade in jenen Fächern, die sich im weitesten Sinn mit gesellschaftlichen Problemen befassen. So kommt es zu einem Defizit an Handlungswissen und zu einer allgemeinen Orientierungslosigkeit - einer modernen Form von Unwissenheit, die sich gegenwärtig in aller Schärfe als Führungskrise äußert. Die sich hieraus für die Wissensorganisation ergebenden Forschungsaufgaben werden in groben Zügen skizziert. Wozu Wissensorganisation? Worin sollte die Aufgabe der Gesellschaft für Wissensorganisation bestehen? - Angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung liegen folgende Antworten nahe: Globales Ziel der Wissensorganisation sollte es sein, der modernen Form von Unwissenheit entgegenzuwirken. Hierzu bedarf es der Zusammenarbeit zahlreicher Disziplinen, die nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Aktivitäten der einzelnen Disziplinen zweckmäßig miteinander koordiniert werden; dies sollte Aufgabe der Gesellschaft für Wissensorganisation sein.

Es ist nichts als die Tätigkeit nach einem bestimmten Ziel, was das Leben erträglich macht.

F. SCHILLER an Chr. G. KÖRNER, 27.4. 1801


1. Einleitung

Was ist Wissensorganisation? lautete ursprünglich der Titel meines Vortrags. Ich hielt eine Klärung dieser Frage für dringend geboten, besteht doch unsere Gesellschaft für Wissensorganisation schon seit mehreren Jahren, und doch gehen die Meinungen darüber, was 'Wissensorganisation' sei, noch ziemlich weit auseinander. Mir war es nicht um eine Definition zu tun, denn ich bezweifle, daß sich eine brauchbare finden läßt; auch andere Fächer kommen ohne sie aus, warum sollte gerade die Wissensorganisation eine Ausnahme machen? Es gibt im Lexikonstil gehaltene Formulierungen wie "Die Physik ist die Wissenschaft von den Bewegungsformen und den sie erzeugenden Kräften der Materie und ihren Eigenschaften", 1) die zwar eine grobe Einordnung des fraglichen Faches erlauben, aber als Definition, aus der sich Folgerungen ableiten lassen, nicht taugen. Ich wollte wissen, welche Gebiete zur Wissensorganisation gehören und in welcher Beziehungen sie zueinander stehen, in der Hoffnung, dadurch in Erfahrung zu bringen, was die ziemlich heterogenen Richtungen miteinander verbindet. Ich bin jedoch über wenige Blockdiagramme nicht hinausgekommen. Es stellte sich nämlich sehr schnell heraus, daß mir eine regulative Idee fehlte: Um die zur Wissensorganisation gehörenden Gebiete benennen zu können, muß man das mit der Wissensorganisation verfolgte Ziel kennen. So habe ich die Frage 'Was ist Wissensorganisation?' zurückgestellt und versucht, zunächst eine Antwort auf die Frage 'Wozu Wissensorganisation?' zu finden.

1 ABC der Naturwissenschaft und Technik. Brockhaus (1956): Leipzig.

Die bisherigen Zielgebungsversuche geben hierauf keine Antwort; sie betonen zu einseitig die Verbesserung der Methoden. Doch Methoden sind Werkzeuge; es kann nicht das Ziel einer Disziplin sein, unablässig ihre Werkzeuge zu perfektionieren, so als würde man von der Physik sagen, ihr Ziel sei es, immer genauere Meßgeräte zu bauen. Wir brauchen eine inhaltliche Bestimmung, die es uns erlaubt, auf Sinnfragen zu antworten: Wozu sind z.B. bessere Klassifikationsmethoden erforderlich? Welches Problem soll damit gelöst werden?

Etwa zur gleichen Zeit, als ich anfing, mir Gedanken über den Zweck von Wissensorganisation zu machen, stieß ich auf eine Studie über den Verfall der politischen Parteien. 1) Die Autoren machen für den Niedergang des Parteiensystems vor allem den mangelhaften Sachverstand der Führungskräfte verantwortlich: Das Mittelsmaß ist tonangebend; für eine politische Karriere ist Sachkompetenz eher hinderlich als förderlich, gefragt sind Anpassung an den Zeitgeist und medienwirksames Auftreten. In dieses Bild paßt, daß Politiker die Beschäftigung mit Aufgaben, die über den Tag hinausweisen, also gerade jene Tätigkeiten, mit denen sie ihre Führungsqualitäten unter Beweis stellen könnten, für nachrangig halten und erklärt ihre Hilflosigkeit gegenüber vielen lebensbedrohenden Problemen unserer Zeit.

Einmal aufmerksam geworden, beachtete ich in der Folgezeit etwas sorgsamer die in den Medien berichteten Pannen und Skandale. Ich mußte sehr schnell erkennen, daß das Phänomen 'Inkompetenz' nicht nur im Führungsstab der politischen Szene, sondern auch bei leitenden Personen im Wissenschafts- und Kunstbetrieb sowie im Management von Firmen, Gewerkschaften, Kirchen und Sportverbänden verbreitet ist. Neuere Veröffentlichungen bestärken den Eindruck einer über Institutionen und Ländergrenzen hinwegreichenden eklatanten Führungskrise. 2)

Solch ein umfassendes Inkompetenzphänomen läßt sich nicht mit Fehlleistungen einzelner Personen erklären, sondern muß einen sehr allgemeinen Grund haben. Inkompetent ist, wer seine Aufgaben nicht erfüllen kann, weil er über die erforderlichen Maßnahmen nicht genügend Bescheid weiß. Im Mangel an Handlungswissen liegt offenbar der Schlüssel zum Verständnis der Krise. Wodurch ist nun aber das Wissensdefizit bedingt? Die Antwort hierauf ist zugleich die zentrale These der vorliegenden Arbeit:

Das Wissensdefizit entsteht, weil der Wissensbestand in Unordnung geraten ist, so daß es immer schwerer fällt, sich sachkundig zu machen.

1 SCHEUCH, E.K. & SCHEUCH, U.: Cliquen, Klüngel und Karrieren. Über den Verfall der politischen Parteien - eine Studie. Reinbek bei Hamburg (1992): Rowohlt Taschenbuch Verlag.

2 z.B. OGGER, G.: Nieten in Nadelstreifen. Deutschlands Manager im Zwielicht. München (1992): Droemer Knauer.; DREWERMANN, E. (1992): Worum es eigentlich geht. Protokoll einer Verurteilung. München (1992): Kösel-Verlag; VON ARNIM, H.H.: Staat ohne Diener. Was schert die Politiker das Wohl des Volkes? München (1993): Kindler Verlag. In den Zeitungen sind täglich neue Beispiele zu finden.

Solch ein in Unordnung geratener Wissensbestand ist ein unerträglicher und in unserer hochtechnisierten Welt äußerst gefährlicher Zustand, dem dringend abgeholfen werden muß. Damit bin ich wieder bei meiner Frage: Wozu Wissensorganisation? Es ist naheliegend zu antworten: Wissen ordnen, Wissen zugänglich machen. Diese Antwort möchte ich nun etwas näher erläutern, dabei gilt es folgende Fragen zu beantworten: Was heißt es, der Wissensbestand sei in Unordnung geraten? Welche Mechanismen verursachen die Unordnung und wie wirken sie sich aus? Warum haben die bisherigen Lösungsvorschläge so wenig ausgerichtet? Welche Aufgaben fallen der Wissensorganisation bei der Suche nach einer Lösung zu?

2. Kommunikationstheoretische Grundbegriffe

Wie kaum ein anderes Fach leidet die Kommunikationstheorie unter der Vieldeutigkeit ihrer Grundbegriffe. Es sind vor allem die Begriffe 'Nachricht' und 'Information' sowie die aus ihnen abgeleiteten Begriffe, die immer wieder Verwirrung stiften. Um Mißverständnissen vorzubeugen, legen wir fest:

Eine Nachricht ist eine Folge von räumlich nacheinander auf einem Medium angeordneten Zeichen. Ein Maß für die Information einer Nachricht ist der Umfang an Zustandsänderungen, die sie bei einem Empfänger auslöst.1

Wir unterscheiden hier zwischen der Nachricht und dem Medium, auf dem sie aufbewahrt ist, obwohl beides untrennbar zusammengehört: es gibt keine nackten Nachrichten, sondern nur Objekte, die eine Nachricht enthalten, z.B. Bücher, Lochstreifen, Disketten usw.; sie werden oft unter dem Oberbegriff 'Dokument' zusammengefaßt. 2) Eine Nachricht stellt, als eine Folge von Zeichen, eine Entität dar, die unabhängig von einem Empfänger existiert; Information dagegen ist stets auf einen Empfänger bezogen. Ein und dieselbe Nachricht kann für verschiedene Empfänger, aber auch für den gleichen Empfänger zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich informativ sein, denn welche Information eine Nachricht für einen Empfänger mit sich bringt, hängt von dessen Wissen und dessen Vorgeschichte ab. Erfährt z.B. jemand eine Nachricht ein zweites Mal, so hat sie für ihn, obwohl es sich noch um die gleiche Zeichenfolge handelt, eine andere Information als beim ersten Mal: Sie kann größer sein, weil die Nachricht für ihn jetzt verständlicher wurde, sie kann aber sehr nahe bei Null liegen (wie etwa bei einem Witz, den man zum zweiten Mal hört). Auch offenkundiger Unsinn kann Information enthalten, denn es kommt auf die im Empfänger ausgelösten Zustandsänderungen, nicht auf die Wahrheit an.

1 STEINBUCH, K.: Maßlos informiert. Die Enteignung des Denkens. Herbig Verlagsbuchhandlung München/Berlin 1978, 52, 55; dieser Informationsbegriff wurde kürzlich wieder aufgegriffen von ROTH, G. (1987): Erkenntnis und Realität: Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit; in: S.J. SCHMIDT (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, 360.

2 Auch ein aufgezeichnetes Signal, z.B. die Tonbandaufzeichnung einer Rede, stellt ein Dokument dar. Auf den Unterschied zwischen Signal und Nachricht gehen wir hier nicht ein.

Auf ihrem Weg vom Kopf des Senders zum Kopf des Empfängers erfährt eine Nachricht eine mehrfache Umwandlung. Soll solch eine Übertragung ihren Zweck erfüllen, muß es etwas geben, das bei allen Umwandlungen invariant bleibt; wir bezeichnen es als 'Gehalt einer Nachricht':

Der Gehalt einer Nachricht ist die Menge aller möglichen Informationen, die aus ihr gewonnen werden können.

Im Gegensatz zur Information ist der Gehalt einer Nachricht etwas Empfängerunabhängiges. Einer verworrenen Nachricht entnimmt jeder etwas anderes, und die Menge aller möglichen Informationen umfaßt hier besonders viele Elemente. Eine exakte Nachricht hat die Eigenschaft, daß sich alle Empfänger, die sie verstanden haben, in etwa hinsichtlich des Übermittelten im gleichen Zustand befinden; sie haben also alle die gleiche Information gewonnen, d.h. die Menge aller möglichen Informationen besteht eben nur aus jenem einen Element. In diesem Sonderfall fallen, wenn die Nachricht für den Empfänger neu ist, Gehalt und Information zusammen. Zwischen 'Nachricht' und 'Nahrung' besteht eine gewisse Analogie; der Gehalt einer Nachricht entspräche danach dem Nährwert einer Nahrung und die Information dem, was ein Organismus einer Nahrung entnimmt.

'Information' in Verbindung mit 'Flut' zu gebrauchen, verbietet sich nach unseren Definitionen von selbst: Nicht mit Informationen, sondern mit Nachrichten werden wir überflutet, und die korrekte Fassung der vielzitierten Kommunikationskrise lautet: In den Wissenschaften wächst die Zahl der Nachrichten exponentiell. Ob sich allerdings hinter der hohen Steigerungsrate bei der Nachrichtenproduktion auch eine ebensolche des Wissensstoffes verbirgt, ist damit noch nicht ausgesagt. Hierzu bedarf es zunächst einer Klärung des ziemlich verworrenen Wissensbegriffs. 1)

Wissen stellen wir mit dem Gehalt einer Nachricht auf eine Stufe, allerdings ist nicht jeder Gehalt zugleich auch Wissen:

Eine Nachricht enthält Wissen (stellt Wissen dar), wenn ihr Gehalt in allgemeingültigen Aussagen über die Welt besteht.

'Welt' umfaßt die Natur im weitesten Sinn, aber auch die vom Menschen geschaffenen Dinge; die Allgemeingültigkeit betrifft im Idealfall vier verschiedene Ebenen: Es muß sich (1) um allgemeine Aussagen über eine Menge von Dingen handeln, nicht um Aussagen, die sich nur auf Einzeldinge beziehen. Es müssen (2) zeitlose Aussagen sein, die ihre Gültigkeit nicht nach einer gewissen Zeit verlieren. Sie müssen (3) rationale Entscheidungen ermöglichen, die für die Allgemeinheit und nicht nur für einen speziellen Personenkreis von Interesse sind, und sie müssen (4) exakt sein, damit aus ihnen im Prinzip jeder Mensch die gleiche Information gewinnen kann.

1 Es wirkt oft recht hilflos, was über den Wissensbegriff geschrieben wird; s. z.B. MITTELSTRASS. J.: Computer und die Zukunft des Denkens. Information Philosophie März 1991, 6; ZEMANEK, H.: Weltmacht Computer. Weltreich der Information. Esslingen/München (1991): Bechtle Verlag, 159-163.

3. Wissensmisere

Nicht jede Nachricht, von der behauptet wird, sie stelle Wissen dar, erfüllt die obigen Bedingungen. Um die Nachrichten besser einordnen zu können, unterteilen wir sie nach ihrem Gehalt in Kern-, Rand- und Pseudowissen.

3.1 Kern-, Rand- und Pseudowissen

In der Mathematik und in den Naturwissenschaften, speziell in der Physik, wurde nahezu das gesamte Wissen in Theorien abgelegt, die als gesichert gelten. Zwar ist nie auszuschließen, daß in Zukunft noch einige Ergänzungen hinzukommen, aber das, was heute schon bekannt ist, wird auch in Zukunft noch Bestand haben: Auch in 100 Jahren wird das Periodensystem der Elemente oder die Elektrodynamik nicht wesentlich anders aussehen als heute, insbesondere werden sie nicht wesentlich an Umfang zunehmen. Wissen dieser Art erfüllt die obigen vier Bedingungen; wir bezeichnen es als Kernwissen. Es ist der eigentliche kulturinvariante Wissensschatz der Menschheit.

Darüber hinaus gibt es in allen Wissenschaften einen Forschungsbereich, in dem die Ergebnisse nicht bzw. noch nicht abgesichert sind. Hier wird zwar auch Wissen erzeugt, aber es ist noch alles im Fluß: Es kann sich um eine Ergänzung bestehenden Wissens oder um revidierte Irrtümer handeln; manchmal ist es auch bloß ein neuer Irrtum. Wir bezeichnen solches Wissen, dessen Reiz vornehmlich in der Neuheit besteht, als Randwissen. Kritiken, kontroverse Diskussionen, aber auch Forschungsberichte und akademische Pflichtarbeiten sind hierfür typische Beispiele. Randwissen verletzt die obigen Bedingungen (2) - (4): Sein Wahrheitswert ist i.a. entscheidbar, aber es ist von geringer Allgemeinheit und kann schnell veralten oder in Kernwissen aufgehen. Doch trotz seiner Kurzlebigkeit kann es zu seiner Zeit wichtige Dienste geleistet haben; es sind aber Hilfsdienste gewesen, die vergessen werden, sobald ihre Aufgabe erfüllt ist. Randwissen ist nur für einen bestimmten Personenkreis, nämlich für die auf dem betreffenden Gebiet arbeitenden Wissenschaftler gedacht und hat daher meist nur eine wissenschaftsinterne Bedeutung. Randwissen läßt sich mit einem Gerüst vergleichen, das um ein Gebäude, dem Kernwissen, errichtet wurde, um es auszubessern bzw. fortzubauen.

In den letzten Jahren häufen sich in bedenklicher Weise zunehmend Arbeiten, die sich durch "moderne" Themen und durch selbstbewußt und mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit vorgetragene Aussagen auszeichnen. Doch was in diesen Arbeiten ausgesagt wird, ist Pseudowissen. Es verletzt ebenfalls die obigen Bedingungen (2) - (4), ist aber weder wahr noch ganz falsch, denn es werden Ideen miteinander verknüpft, die zwar einen wahren Kern haben, aber nicht zusammengehören. Im Gegensatz zum Randwissen, das am Kernwissen festen Halt findet, ist Pseudowissen aus sich selbst heraus konstruiert. Pseudowissen gleicht einem Gerüst, das um ein Gerüst, manchmal auch nur ins Leere gebaut wurde. Da es nicht immer einfach ist, die Unvereinbarkeit von Ideen zu erkennen, ist es auch nicht leicht, sicher zwischen Rand- und Pseudowissen zu unterscheiden, insbesondere in Disziplinen mit nur wenig ausgeprägtem Kernwissen. Am häufigsten stößt man auf Pseudowissen, wenn eine Disziplin die Ergebnisse einer anderen zu adaptieren versucht.

Pseudowissen offenbart sich an einigen untrüglichen Merkmalen: Verschwommenene Vorstellungen oder Unsicherheiten auf fachfremden Gebiet führen zu einer dunklen Ausdrucksweise, letzteres geht häufig mit einem unzulässigen Gebrauch von fachfremden Begriffen einher. Hinzu kommen sachliche und methodische Defizite, die stets ein Zeichen dafür sind, daß der betreffende Sachverhalt nicht richtig verstanden wurde. Weitere Merkmale sind die Simplifizierung von Problemen, und, eng mit ihr verwandt, unzulässige Verallgemeinerungen. Mehrdeutigkeiten lassen sich i.a. durch den Kontext auflösen; bei Texten, die Pseudowissen enthalten, ist dies nicht mehr möglich; hier ist der Kontext selbst mehrdeutig bzw. unverständlich.

Pseudowissen darf nicht mit den in vielen wissenschaftlichen Publikationen zu findenden Sprachfassaden verwechselt werden. Letzteres sind Sätze und Setzungen von unnachahmlicher Trivialität, welchen durch eine aufgeblasene Terminologie der Anschein von Wissenschaftlichkeit gegeben wird. 1) Derartige Entgleisungen wurden schon von VALENTIN verspottet; 2) sie sind i.a. harmlos, weil sie als Dummheiten erkannt und bloßgestellt werden. Im Gegensatz zum Pseudowissen lassen sich Sprachfassaden in sinnvolle Aussagen umformulieren, allerdings sind auch hier die Grenzen fließend.

Ein aufmerksamer Leser wird keine Mühe haben, in der zeitgenössischen Literatur reiche Beute an Pseudowissen zu machen. Wir begnügen uns hier zur Veranschaulichung mit dem folgenden Beispiel, in dem mindestens drei Merkmale von Pseudowissen zu erkennen sind:

Unter Umständen kann der Bestätigungsgrad einer Hypothese um so mehr sinken, "je mehr dafür empirische Belege beigebracht werden. Aus dieser Situation kann nun die evolutionäre Erkenntnistheorie einen Ausweg bieten, indem sie die geforderte Rationalität der Apriori-Wahrscheinlichkeit in einem phylogenetischen Aposteriori verwurzelt sieht. Das grundlegende Prinzip dieser Rationalität ist bereits auf der genetisch bedingten Ebene der angeborenen Erwartungswahrscheinlichkeitsmetrik festgelegt."

Dieser Text ergibt keinen Sinn, obwohl ihm vielleicht eine richtige Einsicht zugrundeliegt: Was hat ein phylogenetisches Apriori mit einer Hypothese zu tun? Ist es überhaupt sinnvoll, einen empirisch bestimmbaren Bestätigungsgrad für eine Hypothese einzuführen, und was hat er für eine Aussagekraft, wenn er sich beständig verändern kann? Eine Metrik ist in der Mathematik ein Abstandsmaß für zwei Punkte in einem Raum; die Eigenschaften dieses Maßes sind durch Axiome festgelegt. Was immer 'angeboren' heißen mag - eine angeborene Metrik kann es daher nicht geben. Da von Wahrscheinlichkeiten die Rede ist, kommen offenbar auch die anderen aus Dichtkunst und Musik stammenden Bedeutungen von 'Metrik' nicht in Betracht.

1 FRÜHWALD, W.: Das Forscherwissen und die Öffentlichkeit. Überlegungen zur Laisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. 117. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Aachen 1992. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, 1.

2 "Der Regen ist eine primöse Zersetzung luftähnlicher Mibrollen und Vibromen ..." In: Der Regen. Eine wissenschaftliche Plauderei. SCHULTE, M. [Hrsg.] (1978): Alles von Karl Valentin. München/Zürich: R. Piper & Co. Verlag, 35f.

Wir ertrinken in der Flut von Nachrichten und dürsten nach Wissen.

STIEGELBAUER

3.2. Nachrichtenflut und Wissensberg

Um einen ersten Eindruck darüber zu bekommen, ob sich hinter der hohen Steigerungsrate des Nachrichtenumfangs auch eine ebensolche des Wissensstoffes verbirgt, müßte man feststellen, wie hoch der Anteil an Kern-, Rand- und Pseudowissen am Gesamtnachrichtenaufkommen ist. Hierzu wären sehr umfangreiche und sorgfältige Untersuchungen erforderlich, die von einem einzelnen natürlich nicht geleistet werden können, außerdem fehlt es derzeit noch an geeigneten Bewertungskriterien. Das folgende gibt daher nur einen persönlichen, auf meinen Leseerfahrungen beruhenden Eindruck wieder, der jedoch auch von einigen anderen Autoren geteilt wird.

Blickt man in ein älteres wissenschaftliches Lexikon oder Lehrbuch, so wird man darüber erstaunt sein, was schon damals bekannt war; das Wissen kann also nicht in dem Maße zugenommen haben, wie es uns die Masse an Veröffentlichungen heute vorspiegelt. Dennoch trägt jede Generation etwas Neues zum Wissensfundus bei und vergrößert ihn unablässig. Wir wollen, um das Massenphänomen im Bereich des Wissens zu bezeichnen, nicht von einer Wissensflut, sondern von einem das gesamte Wissen einbeziehenden Wissensberg sprechen. Selbst wenn er nicht im gleichen Maß zugenommen hat wie die Anzahl der Veröffentlichungen, so ist doch auch seine Höhe inzwischen zu einem Problem geworden.

Doch auch hier gilt es zu differenzieren. Wenn es mehrere Wissensarten gibt, kann der Wissensberg kein monolithischer Block sein. Gemäß unserer obigen Unterteilung besteht er, bildlich ausgedrückt, aus einem harten inneren Kern, umgeben von einer diffusen, formbaren Randschicht - dem Kern- und dem Randwissen; beides ist verhüllt von dicken Nebelschwaden aus Pseudowissen. Gemessen an der Zahl der Publikationen müßten die wissenschaftlichen Erfolge in der Gegenwart so groß wie noch nie sein. Doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich solche Daten als trügerisch: 1) Kernwissen ist in vergleichsweise wenigen Lehrbücher dargestellt; die weitaus größte Zahl der Veröffentlichungen bezieht sich auf Rand- und, in wachsendem Maß, auf Pseudowissen: Vieles wird abgeschrieben, nachgedruckt und unendliche Male in verschiedenen Versionen von verschiedenen Autoren wiederholt. Daraus entsteht eine ungeheure, vielfach redundante Nachrichtenflut. 2)

Nachrichtenflut und Wissensberg sind zwei eigenständige Phänomene; sie haben verschiedene Ursachen und erfordern eine unterschiedliche Behandlung. Pseudowissen wird verworfen, Randwissen veraltet oder geht in Kernwissen auf; dadurch läßt sich die Wissensmenge in Grenzen halten. Die Veröffentlichungen, in denen es dargestellt wurde, bleiben hingegen für alle Zeiten erhalten. Gegen die Nachrichtenflut gibt es kein Gegenmittel; Wissen überschaubar machen, liegt dagegen in unserer Hand. Wozu Wissensorganisation? läßt sich daher folgendermaßen beantworten:

1 OESER, G.: Das Abenteuer der kollektiven Vernunft. Evolution und Involution der Wissenschaft. Berlin und Hamburg (1988): Verlag Paul Parey, 153, 189f.

2 ebda., 193.

Aufgabe der Wissensorganisation sollte es sein mitzuhelfen, den Wissensfundus so aufzubereiten, daß er für die an eine physische Leistungsgrenze gebundenen Menschen wieder überschaubar wird.

Damit wurde ein allgemeines Ziel benannt; es fehlt noch der Nachweis, daß es ein lohnenswertes Ziel ist. Wie wichtig ist die Überschaubarkeit von Wissen? Das läßt sich am besten klären, wenn man die Folgen untersucht, die unüberschaubares Wissen mit sich bringt. Sie ergeben sich aus den rekursiven Mechanismen der Wissensgewinnung.

4. Rekursive Mechanismen bei der Wissensgewinnung

Die Wissensgewinnung verläuft rekursiv über verschiedene miteinander verflochtene und sich selbst verstärkende Kreisläufe. Jeder Kreislauf besteht aus mehreren Zwischenstationen, die nacheinander durchlaufen werden. Die Ergebnisse eines Umlaufs gehen als Eingangsdaten wieder mit in den neuen Umlauf ein; daher die selbstverstärkende Wirkung. Solche Kreisläufe führen, sich selbst überlassen, entweder zu einer stetigen, meist unmerklichen Verbesserung oder Verschlechterung. In welche Richtung die selbstverstärkende Wirkung läuft, ob zum Guten oder zum Schlechten, hängt maßgeblich von der Güte der Eingangsdaten ab. Angesichts der Nachrichtenflut und der großen Menge an Pseudowissen ist zu vermuten, daß eher das letztere der Fall sein wird. Im folgenden betrachten wir zwei Kreisläufe, die diese Vermutung bestätigen.

4.1. Nachrichtenflut verstärkt Nachrichtenflut

Im ersten Kreislauf treibt die Nachrichtenflut die Spezialisierung voran. Mit der Spezialisierung wächst der Drang, die mit ihr verbundene Isolierung zu überwinden; immer mehr Dilettantismus und Inkompetenz sind die Folge. Die Inkompetenz verursacht Pseudowissen, und Pseudowissen fördert schließlich wieder die Nachrichtenflut.

Das Phänomen ist nur allzu gut bekannt: es gibt zu viele Veröffentlichungen. Der Mensch vermag in seinem Leben nicht viel mehr als 2000 Bücher zu lesen. Wie gering diese Menge im Vergleich zur Menge der produzierten Bücher ist, veranschaulicht ein einfaches Zahlenbeispiel: Wer viel liest, schafft im Durchschnitt pro Woche ein Buch; das entspricht 50 Bücher pro Jahr oder 1000 Bücher in 20 Jahren. Allein in Deutschland erscheinen jährlich etwa 100.000 neue Bücher; für ihre Lektüre benötigte man 2000 Jahre. Während dieser Zeit würden allein in Deutschland bei gleichbleibender Produktionshöhe weitere 200 Millionen neue Bücher erscheinen. Dieser Vergleich, bei dem fremdsprachige Titel sowie Zeitschriftenartikel noch gar nicht mitgerechnet wurden, zeigt, wie aberwitzig das Mißverhältnis von Stoffmenge und Leseleistung ist. Da der Mensch physisch nur eine bestimmte Menge von Nachrichten aufzunehmen in der Lage ist, die Nachrichten aber unaufhörlich zunehmen, muß er, um den Überblick zu behalten, das Arbeitsgebiet fortwährend einengen. Wissensgebiete werden aufgegeben, nicht weil sie uninteressant oder unbedeutend geworden wären, sondern weil die Zeit fehlt, sich mit ihnen zu beschäftigen. Wenn die Zahl der Veröffentlichungen ständig wächst, der darin behandelte Stoff dagegen sich auf ein immer spezielleres Gebiet bezieht, so muß notwendigerweise der geistige Horizont immer enger werden. Dessen ungeachtet wird weiterhin unaufhörlich publiziert, denn der Mensch pflegt auch bei einem nichtigen Stoff seine Leistungsgrenzen auszuschöpfen. Jede neue Publikation vermehrt den Bestand; eine weitere Spezialisierung ist die Folge, und am Ende dieses Kreislaufs steht ein Spezialist, der von nichts alles weiß: Nachrichtenflut treibt die Spezialisierung voran.

Dem Spezialisten darf man aus seiner Haltung keinen Vorwurf machen, denn sie ist ein Akt der Selbstbehauptung, entspringt sie doch dem sehr verständlichen Ziel, seine Kompetenz zu erhalten. Das gelingt ihm aber nur, indem er sich, mehr und mehr Terrain preisgebend, auf ein immer engeres Gebiet zurückzieht; d.h. seine Kompetenz auf einem immer kleineren Gebiet muß er sich durch Inkompetenz auf einem immer größeren erkaufen. Inkompetenz heißt: In anderen Wissenschaften, vielfach aber auch schon bei sehr lebensnahen Dingen, kann ein Spezialist mangels entsprechender Kenntnisse nicht mehr mitreden und vernunftgemäß entscheiden: er verliert außerhalb seines Spezialgebietes seine Urteilsfähigkeit: Fortgesetzte Spezialisierung vergrößert die Inkompetenz.

Die meisten Menschen finden sich mit ihrem Spezialistendasein ab; einige haben jedoch das Unbefriedigende ihrer Lage erkannt und versuchen, indem sie sich noch einem weiteren Fach zuwenden, aus ihrem Spezialistentum auszubrechen. Nun sind sie aber, eben weil sie in einem Fach Spezialisten sind, in den anderen Fächern Laien und müssen sich daher notgedrungen auf ihrem neuen Gebiet einarbeiten. Eigentlich sollte dies gar nicht möglich sein, denn die Tendenz zu einer immer größeren Spezialisierung haben wir ja mit der wachsenden, zu einer Einschränkung des Fachgebietes zwingenden Stoffmenge erklärt. Sie stoßen sehr schnell wieder an ihre physischen Grenzen. Aufgrund ihrer kurzbemessenen Zeit, aber auch aufgrund ihrer Inkompetenz wird es ihnen kaum möglich sein, bis in das Kernwissen einer fremden Disziplin vorzudringen. Ihre Domäne bleibt das durch Sekundärliteratur vermittelte, mit Pseudowissen durchsetzte Randwissen. Oberflächlichkeit ist der Preis, den sie zahlen müssen, um die zusätzliche Stoffmenge bewältigen zu können. Oberflächliche Leser aber werden zu oberflächlichen Autoren, die statt Wissen Pseudowissen produzieren: Inkompetenz verursacht Pseudowissen.

Pseudowissen senkt das Niveau; die Zahl derer, die sich durch ihr neu erworbenes Wissen dazu berufen fühlen, mitzureden, nimmt dadurch zu; die meisten von ihnen publizieren, und so verstärkt Pseudowissen die Nachrichtenflut. Besonders betroffen hiervon sind Fächer wie Erkenntnistheorie und Psychologie, die, weil sie dem eigenen Erfahrungsbereich zugängliche Probleme berühren, ein Gefühl von Kompetenz vermitteln, doch auch die auf medienwirksame Themen zielende sogenannte Wissenschaftspublizistik trägt das Ihre an der Nachrichtenflut bei.

4.2. Pseudowissen bewirkt Pseudowissen

Das hauptsächlich lebensweltliche Anliegen betreffende Pseudowissen führt in einem weiteren, mit dem obigen sich kreuzenden Kreislauf zu neuem Pseudowissen. In diesem sich ebenfalls selbstverstärkenden Kreislauf steigert Pseudowissen die Inkompetenz, die Inkompetenz führt zur Desorientierung, die Desorientierung bewirkt Deskommunikation und diese wiederum fördert die Bildung von Pseudowissen.

Pseudowissen erweckt die Illusion des Bescheidwissens und verhindert dadurch, sich mit einer Sache gründlich auseinanderzusetzen und bis zum Kernwissen vorzustoßen. Pseudowissen bildet ein durch zahlreiche Veröffentlichungen befriedigtes Bedürfnis nach leichtem Stoff aus, der die Vorurteile des bereits verinnerlichten Pseudowissens bestätigt und für weiteres Pseudowissen empfänglich macht. Im Gedächtnis sammeln sich als "Wissenspolster" nur noch lose miteinander verbundene "highlights" an. Parallel dazu geht der Bezug zur Wirklichkeit immer mehr verloren; es wird eine durch die begrenzte Erfahrung vermittelte Scheinwelt aufgebaut. Sie schränkt, sich selbst festigend und damit die Inkompetenz verstärkend, maßgeblich die Auswahl der Nachrichten ein: Dinge, die dazu beitragen könnten, die Scheinwelt aufzubrechen, werden nicht mehr wahrgenommen: Pseudowissen steigert die Inkompetenz.

Wir werden ständig informiert und sind doch ohne Orientierung.

K. STEINBUCH

Wer in einer Scheinwelt lebt, wird über kurz oder lang mit der wirklichen in Konflikt geraten und sich vor unlösbare Probleme gestellt sehen: Indem der persönliche Wissensfundus von einem immer größer werdenden Anteil an Pseudowissen durchsetzt wird, das u.a. die Eigenschaft hat, nicht ganz falsch und nicht ganz wahr zu sein, werden die Menschen immer handlungsunfähiger, orientierungsloser und unsicherer in ihrem Urteil; in ihrer Not greifen sie nach jedem sich ihnen bietenden Ersatzideal, sie werden anfälliger gegenüber politischen und sozialen Ideologien, gebenüber okkulten Heilslehren und - in den Wissenschaften - gegenüber fragwürdigen Paradigmen: Inkompetenz führt zur Desorientierung

Orientierungslosigkeit bedeutet auch, daß die Fähigkeit verloren gegangen ist, die eigene Arbeit richtig einzuordnen. Viele Vorträge auf wissenschaftlichen Tagungen sind daher nur noch Monologe; keiner ist ernsthaft an den Argumenten des anderen interessiert, wie die unzähligen fruchtlosen Diskussionen zeigen, die häufig nur als Vorwand dienen, den eigenen Standpunkt darzustellen; Mißverständnisse sind die notwendige Folge. Es droht eine Sprachverwirrung babylonischen Ausmaßes: Desorientierung bewirkt Deskommunikation. GORKI hat in seinem Roman "Klim Samgin" diesen Prozeß mit großer Meisterschaft dargestellt.1

1 GORKI, M.: Klim Samgin. Vierzig Jahre. München (1980): Winkler Verlag (2 Bde.).

Echte Kommunikation nähert mit fortlaufender Dauer die Standpunkte immer weiter an; am Ende kommt es zu einer Verständigung. Deskommunikation dagegen hat die gegenteilige Wirkung; je länger sie dauert, desto mehr wird aneinander vorbeigeredet: Deskommunikation macht geschwätzig und fördert die Produktion von Pseudowissen.

4.3. Unordnung im Wissensbestand

Unsere Unkenntnis von uns selbst, so hat der Mediziner CARREL schon vor etwa 60 Jahren erkannt, rührt nicht davon her, daß es zu schwierig wäre, die nötigen Wissensgrundlagen zu beschaffen, oder daß man nur spärliche und ungenaue Angaben bekäme. Im Gegenteil: schuld daran ist gerade der gewaltige Überfluß und das Durcheinander von Wissensstoff, den die Menschheit im Laufe der Zeiten über sich selber gesammelt hat, 1) so daß wir vor lauter Fülle des Materials die größte Mühe haben, die richtige Nutzanwendung daraus zu ziehen. 2) CARREL dachte hier vor allem an die praktische Anwendung der Medizin; doch die beiden Mechanismen haben deutlich gemacht, daß auch die Wissenschaften selbst mit ihren eigenen Ergebnissen immer weniger anfangen können: Das Kernwissen bleibt nahezu unverändert, während das hochtechnische Randwissen der Spezialisten und das Pseudowissen der Dilettanten immer mehr überhand nimmt:

Der Wissensbestand ist in Unordnung geraten durch die Masse des auf zahllose Veröffentlichungen breitgestreuten Randwissens und durch die zunehmende Menge an Pseudowissen.

Das Randwissen der Spezialisten ist noch nicht oder höchstens technisch nutzbar, das Pseudowissen der Dilettanten erweist sich als irrelevant: In einer Zeit wachsenden Handlungsbedarfs taugt das, was an Wissen produziert wird, immer weniger zur Lösung lebensweltlicher Probleme; die Verbindung zwischen Geistesprodukten und Handeln ist gekappt, 3) und trotz überquellender Büchermagazine in den Bibliotheken nimmt die Unwissenheit zu. Das scheint ein Widerspruch zu sein; doch nicht was in den Bücher steht, sondern was die Menschen in ihren Köpfen an Wissen verfügbar haben, ist das Entscheidende. Hier gibt es wohl heute nur noch die Wahl zwischen Spezialisten- oder Dilettantentum - oft beides in einer Person vereinigt; das eine ist so unbefriedigend wie das andere: Ein Spezialist verliert außerhalb seines Spezialgebietes seine Urteilsfähigkeit, ein Dilettant hat sie niemals besessen. Beide können in lebenswichtigen Dingen mangels geeigneter Kenntnisse oft nicht mehr mitreden: sie sind inkompetent geworden. Geistige Lähmung, Ratlosigkeit, Mangel an Weitsicht, Fehlentscheidungen und Mißmanagement sind - wie täglich in der Zeitung zu lesen - die notwendige Folge. Offenbar gelingt es immer weniger, die Gegenwartsprobleme zu meistern; von einer Bewältigung der Zukunftsaufgaben gar nicht zu reden.

1 CARREL, Alexis: Der Mensch das unbekannte Wesen. Stuttgart/Berlin (1936): Deutsche Verlagsanstalt, 41.

2 ebda., 10.

3 POSTMAN, N.: Wir informieren uns zu Tode, in: Die Zeit Nr.41 vom 2.10.1992, 61-62.

Die beiden rekursiven Mechanismen des Wissensbetriebes lassen für die Zukunft nichts Gutes hoffen. Bleiben sie in ungehemmter Tätigkeit, ist die Zerstörung des Wissensbestandes und mit ihr der langsame, aber unaufhaltsame Zerfall unserer Kultur unausbleiblich. Angesichts dieser Aussichten erscheint die Wissensorganisation als eine dringliche Aufgabe von großer gesellschaftlicher Bedeutung. Wie sollte ihr Tätigkeitsfeld aussehen? Mit dieser abschließenden Frage beschäftigen wir uns im folgenden Abschnitt.

5. Wissensorganisation

Seit Jahrzehnten wird in regelmäßigen Abständen berechtigte Klage über die Nachrichtenflut und ihre gesellschaftsschädigende Wirkung geführt. Seltsam genug: Obwohl jeder Wissenschaftler massiv unter der Nachrichtenflut leidet, sind alle Vorschläge, wie man sie beheben oder doch wenigstens eindämmen könnte, bisher gänzlich wirkungslos geblieben; jeder kennt den Mißstand und leidet darunter, doch kaum jemand wehrt sich dagegen oder ist bereit, beim Veröffentlichen etwas mehr Zurückhaltung zu üben. Eine weitere zeittypische Eigenart ist, daß man - unter Mißachtung der eigentlichen Ursachen - zu schnell und aus einer zu engen, vom persönlichen Leidensdruck geprägten Sichtweise mit Lösungsvorschlägen hervortritt, die sich gegen einzelne Symptome wie zunehmende Inkompetenz, Werteverlust, Deskommunikation in den Wissenschaften usw. richten. Überdies wird nicht geprüft, ob der Vorschlag realisierbar ist oder ob er, befolgte man ihn, tatsächlich eine Besserung bewirkte, ja man erspart sich oft die Mühe nachzuweisen, ob er überhaupt irgend etwas mit den zuvor gerügten Mängeln zu tun hat.

Solche mit bester Absicht geäußerten Vorschläge tragen bereits deutliche Züge von Inkompetenz: Die von der Nachrichtenflut ausgehende Krankheit hat, wie der gänzlich unbrauchbare Begriffsapparat beweist, inzwischen auch die zu ihrer Bekämpfung angetretenen Personen befallen. Meist wird übersehen, daß man es mit einem komplexen kybernetischen System zu tun hat, dessen Teilsysteme sich fortlaufend aufeinander einregeln; Einzelmaßnahmen haben daher kaum Aussicht auf Erfolg. Überhaupt darf es nicht Laien überlassen bleiben, nach geeigneten Gegenmaßnahmen Ausschau zu halten, so, als wären sie bereits bekannt und brauchten nur noch angewendet zu werden. Das ist jedoch nicht der Fall; sie herauszufinden sollte vielmehr Forschungsaufgabe der Wissensorganisation sein.

Ihr Hauptaugenmerk lag bisher auf dem Ordnen und Bereitstellen von Wissen. Wissensorganisation so verstanden, kommt, weil sie die Chaos schaffenden Kräfte gewähren läßt und sich mit Aufräumarbeiten begnügt, eigentlich immer zu spät. Doch Wissensorganisation muß auch in die Zukunft hineinwirken; sie muß bereits auf die Fehlentwicklungen Einfluß nehmen, um Unordnung zu verhindern, d.h. sie muß sowohl die Masse des vorhandenen Wissensstoffes bewältigen als auch etwas zur Verringerung der Masse beitragen. Diese beiden Ziele gemeinsam zu verfolgen, ist schon deswegen sinnvoll, weil sie in vielen Fällen die gleichen Methoden erfordern. Daraus ergeben sich mehrere aufeinander aufbauende Teilaufgaben; die wichtigsten sind: Bereitstellen von Literatur, Einstufung von wissenschaftlichen Arbeiten und die systematische Darstellung.

5.1. Bereitstellen von Literatur

Die Methoden und Ziele in der Literaturrecherche tragen gegenwärtig kaum der begrenzten menschlichen Leistungsfähigkeit Rechnung. Im Vordergrund des Interesses stehen vielmehr die von der Veröffentlichungsflut hervorgebrachten systemtechnischen Probleme. Als oberster Grundsatz gilt: Was an Material anfällt, muß auch verfügbar gehalten werden. Mit wachsender Datenmenge erhöht sich damit zwangsläufig auch der technische Aufwand. 1) Die entscheidende Frage ist aber: verfügbar halten für wen? Der Systementwickler möchte mit der von ihm angestrebten Leistungssteigerung dem Anwender eine bessere Recherche bieten. Doch nach welchem Maß wird hier auf 'besser' entschieden? Wenn der Anwender physisch nicht mehr in der Lage ist, das Retrieval-Ergebnis aufgrund seines Umfangs zu verarbeiten, behindert eher jede weitere Leistungssteigerung seine Arbeit, als daß sie ihm hilft.

Die Verhältnisse zwingen zum Umdenken. Technische Perfektion nützt dem Anwender nur in Verbindung mit relevantem Datenmaterial. Im Information Retrieval gilt ein Dokument als relevant bezüglich einer Anfrage, wenn es sich mit dem in der Anfrage beschriebenen Thema beschäftigt. 2) Diese vom Systementwickler geprägte Sichtweise berücksichtigt nur die Entsprechung zwischen Anfrage und Dokument, wertet aber nicht den Gehalt der Dokumente. Wenn es jedoch zu einer Suchanfrage Tausende von "relevanten" Literaturstellen gibt, so hat der Begriff 'Relevanz' für den Anwender jeden Sinn verloren. Nun könnte man zwar die Veröffentlichungsflut durch administrative Maßnahmen etwas eingrenzen, doch grundsätzlich verhindern läßt sie sich nicht, und so sollte man wenigstens die Retrievalflut beschränken. Relevanz ist für den Anwender untrennbar mit Überschaubarkeit verbunden; sie läßt sich erzielen, indem man zum einen das Material begrenzt und zum anderen für überschaubare Suchantworten sorgt.

Es ist ein einfaches Rechenexempel, daß die Trefferquote desto kleiner ausfallen muß, je weniger Titel dem System bekannt sind. Ziel sollte es daher sein, möglichst viele überflüssige Arbeiten gar nicht erst aufzunehmen, denn für das blinde Erfassen jedweder Veröffentlichung besteht keine Notwendigkeit: Der überwiegende Teil der zeitgenössischen Veröffentlichungen gehört nicht verschlagwortet, sondern verreißwolft! 3) Nach MONTAIGNE sollte man die ungeschickten und unnützen Schriftsteller, ebenso wie die Landstreicher und

1 So gilt z.B. ein Information Retrieval System u.a. für desto leistungsfähiger, je größer sein Recall (Anzahl der relevanten Antworten auf eine Anfrage dividiert durch die Anzahl der insgesamt möglichen relevanten Antworten) ist. Ein Systementwickler wird daher bestrebt sein, der Obergrenze von 100% möglichst nahezukommen.

2 SALTON, G. & McGILL, M.J. (1987): Introduction to modern information retrieval. Auckland etc.: McGraw-Hill Book Company (3. Aufl. 1987), 163.

3 Diese Tendenz wird durch die weltweite Rechnervernetzung und durch das Aufkommen von Multimedia-Dokumenten noch einen zusätzlichen Schub bekommen: Autoren, die schon mit dem Einmedium Text ihre Schwierigkeiten haben, werden mit den multimedialen Darstellungsmitteln noch weniger zurechtkommen. Überdies bleibt der Inhalt einer Arbeit dürftig, auch wenn sie mit Bild und Ton garniert wird. In Zukunft kann im Prinzip jeder solche Produkte in Sekundenschnelle weltweit verbreiten. Einen Vorgeschmack auf das Kommende geben schon heute die Internet News.

Faulenzer, durch Gesetze im Zaum halten. 1) Durch eine gezielte Auslese hätte man eine weniger drastische Handhabe, überflüssige Arbeiten vergessen zu machen. Sie setzt allerdings geeignete Bewertungskriterien für den Gehalt eines Dokumentes voraus, die es noch aufzustellen gilt. Doch vor allem sollte der Autor selbst die Möglichkeit haben, eine alte Arbeit zurückzuziehen und durch eine bessere zu ersetzen.

Während oft eine allzu akribische Indexierung und die Aufnahme von irrelevantem Datenmaterial Ursache für eine unüberschaubare Suchantwort ist, wird hierfür gern dem Fragesteller und seiner ungeschickten Suchanfrage die Schuld gegeben. Doch der Benutzer sucht nach inhaltlichen Gesichtspunkten; er sucht, bildlich gesprochen, nach einem Tongefäß und bekommt statt dessen eine Kiste voll Scherben geliefert, von denen er noch nicht einmal sicher sein kann, daß sie zum gleichen Gefäß gehören. Wie soll er unter diesen Umständen, noch zumal mit den primitiven Ausdrucksmitteln der BOOLEschen Logik, die Menge der Scherben sinnvoll eingrenzen? Wenn erst einmal überflüssige Arbeiten erfaßt sind, dann gibt es immer Suchanfragen, für die diese Arbeiten im Sinne des Information Retrieval relevant sind, für den Benutzer aber nicht: Angenommen, es existierten 100 identische Arbeiten von verschiedenen Autoren. Bezüglich einer einschlägigen Suchanfrage wären alle 100 relevant, für den Benutzer ist es aber nur eine; er hat keine Möglichkeit, durch eine geschicktere Suchanfrage die restlichen auszuschließen. Ebenso ergeht es ihm mit unbrauchbaren Arbeiten, wenn diese nicht beim Indexieren ausdrücklich als solche gekennzeichnet werden.

Ein Archäologe beschreibt seine Funde mangels inhaltlicher Anhaltspunkte nach ihren äußerlichen Merkmalen wie Fundstelle, Materialbeschaffenheit, Farbe, Form, Größe und numeriert sie durch, um sie eindeutig identifizieren zu können. In ganz ähnlicher Weise wird versucht, Literatur durch Vergabe von Schlagwörtern zu erfassen. Handelt es sich dabei um eine Beschreibung nach inhaltlichen oder nach äußerlichen Merkmalen? Die Antwort lautet: sowohl als auch, denn es kommt darauf an, ob die fragliche Veröffentlichung nur als eine Scherbe oder als ein vollständiges Gefäß aufzufassen ist. Früher, als die Veröffentlichungen noch halbwegs ganzen Gefäßen entsprachen, beschrieben die Schlagwörter auch noch weitgehend den Inhalt; heute überwiegen mit dem Randwissen die Scherben, und das Schlagwort, auch wenn es in dem fraglichen Text vorkommt, hat keine andere Ordnungsfunktion als etwa die Farbe bei Scherben. Auf die Praxis der Inhaltserschließung hat sich der Qualitätsverlust des Erschließungsmaterials offenbar nicht ausgewirkt: Es werden nach wie vor Schlagwörter vergeben; aber wie die Beschreibung von Tonscherben aufwendiger ist als die eines Gefäßes, so ist auch die Verschlagwortung von Randwissen aufwendiger als die von Kernwissen; Pseudowissen mit seinen Worthülsen gar kann mangels eines konsistenten Gehalts eigentlich gar nicht sinnvoll beschrieben werden. Je dürftiger und konfuser der Inhalt, desto diffiziler die Verschlagwortung; am Ende charakterisieren die Deskriptoren nur noch die Nachricht selbst, also gewissermaßen nur das Verpackungsmaterial, aber nicht mehr ihren Gehalt. Diese Entwicklung begünstigt die Retrievalflut.

1 MONTAIGNE, M. de: Essais III. Zürich (1992): Diogenes Verlag, 97.

Bei der Literaturrecherche werden aus Anwendersicht in der Hauptsache zwei Fehler gemacht, denen in Zukunft größere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte: (1) bleibt der Bestand nicht von Pseudowissen verschont, d.h. Scherben und wertlose Steine gelten gleichviel; und (2) wird eine Veröffentlichung, z.B. ein Buch, weil sie eine physikalisch abgeschlossene Einheit bildet, immer zugleich auch als eine inhaltlich abgeschlossene Einheit betrachtet, d.h. Scherbe und Gefäß werden einander gleichgestellt.

5.2. Einstufung von wissenschaftlichen Arbeiten

Relevanz gewinnen bedeutet nicht nur einen möglichst guten Überblick über den Bestand bieten, es bedeutet auch, Überflüssiges vermeiden und Unordnung erst gar nicht aufkommen lassen. Aus diesen beiden Teilaufgaben besteht die Einstufung einer wissenschaftlichen Arbeit. Die erste erfordert ihre Einordnung in den Kreis der schon vorhandenen Arbeiten und betrifft vorwiegend Bibliothekare, die zweite, die eine Bewertung ihrer Qualität erfordert, in der Hauptsache Autoren und Herausgeber. Ein geeignetes Einstufungsinstrumentarium ist noch ein Desiderat. 1) Es gibt bisher nur wenige Forschungsvorhaben, bei denen Texte selbst Gegenstand der Untersuchung sind. Wir besitzen daher noch zu wenig Erfahrungen über die inhaltliche Erschließung von Texten und die Erkennung von Gedankenstrukturen, vor allem im Hinblick auf eine maschinelle Analyse. Im folgenden werden die beiden Teilaufgaben kurz skizziert.

Wer einen genauen Überblick hat, für den ist auch eine große Anzahl von Dingen noch überschaubar. Doch 'Überblick' ist ein relativer Begriff; es gibt verschiedene Standpunkte und Sichtweisen, und so gilt es oft sehr disparate Ansprüche zu befriedigen. Ein Wissenschaftshistoriker z.B. interessiert sich auch für die Irrtümer einer Epoche und möchte daher die pseudowissenhaltigen Arbeiten nicht missen; der betreffende Fachwissenschaftler dagegen möchte gerade diese ausgeschlossen haben. Die deskriptiv verfahrende Inhaltserschließung kann diesen Konflikt nur unzureichend lösen, denn sie konzentriert sich auf die Erfassung von Inhalten; hier kommt es aber darauf an, die Beziehungen festzuhalten, die zwischen einer neuen Arbeit und den im System bereits vorrätigen Arbeiten bestehen. Bei diesen Beziehungen handelt es sich um Wissen über den Bestand, das in den Arbeiten selbst nicht vorkommt. Es läßt sich vorzugsweise als semantisches Netz darstellen und ermöglicht dem Anwender, eigene Sichtweisen auszubilden und unter diesen nach Literatur zu suchen. So gestattet unter "Gefäß-Sichtweise" die Angabe 'Scherbe x ist Teil von Gefäß y' eine viel bessere Auslese als die Beschreibung von Form und Farbe dieser Scherbe, und mit Angaben wie 'x enthält dasselbe wie y' ließe sich die Retrievalflut wirkungsvoller begrenzen als durch die Hinzunahme weiterer beschreibender Suchbegriffe.

1 Elektronisches Publizieren eröffnet hier vielleicht ganz neue Wege: Dem Benutzer könnte die Möglichkeit eingeräumt werden, die von ihm abgerufene und gelesene Arbeit (eventuell anonym) zu bewerten. Solche Bewertungen, jedem zugänglich, wären den zukünftigen Lesern eine Hilfe, aber auch dem Autor selbst, der, anders als bei gedruckten Beiträgen, nachträgliche Verbesserungen vornehmen und sich gegen ungerechtfertigte Kritik wehren könnte.

Warum werden eigentlich so viele überflüssige Arbeiten gedruckt? Das geschieht offenbar deshalb, weil die Herausgeber, inzwischen ebenfalls vom allgemeinen Kompetenzverlust erfaßt, immer seltener ihrer Kontrollpflicht nachzukommen vermögen. Warum aber geben sich die Autoren überhaupt erst so viel Mühe und verfassen, meist unentgeltlich, überflüssige Arbeiten? Herausgebern und Autoren scheint es an einem Qualitätsmaßstab zu fehlen. Die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten ließe sich bereits dadurch merklich erhöhen, wenn man den Autoren zur Pflicht machte, gewisse Mindestanforderungen einzuhalten. Doch dabei handelt es sich um naheliegende, rein formale Auflagen, z.B. den Bezug zu anderen Arbeiten angeben; die eigentliche Qualitätskontrolle dagegen muß vom Gehalt ausgehen. Bereits FRÜHWALD wies auf die Bewertungsproblematik hin und bemängelte, daß vor allem in den Geisteswissenschaften die Bewertung eines rapide wachsenden Wissensstoffes ein völlig ungelöstes Problem sei. 1) Er möchte die Kosten von überflüssigem Wissen berechnen 2) und herausfinden können, welches Wissen der Bewahrung wert und welches ihrer nicht wert ist. 3) Die Bemühungen um die Entwicklung von Wertungsinstrumenten müßten seiner Meinung nach in allen Fächern ebenso intensiv vorangetrieben werden wie die um die Erweiterung unseres Kenntnisstandes. 4) FRÜHWALD setzt hier, der Tradition folgend, Wissen gleich Veröffentlichung. Doch es gibt kein überflüssiges Wissen, sondern nur überflüssige Veröffentlichungen. Vom Pseudowissen abgesehen, ist jedes Wissen bewahrenswert; bei einer Bewertung kann es daher nur darum gehen, Pseudowissen von den anderen Wissensarten abzugrenzen. In der Mathematik und den Naturwissenschaften gibt es aufgrund der allgemein anerkannten Theorien sehr wohl Bewertungsmöglichkeiten: Eine Arbeit kann im Widerspruch zu einer Theorie stehen, kann sie ergänzen usw. Allgemeine fachübergreifende Wertungsinstrumente im FRÜHWALDschen Sinn können nur von formalem Charakter sein; inhaltliche müssen sich begreiflicherweise auf den Kenntnisstand des jeweiligen Faches stützen, und dieser wird nirgends besser repräsentiert als in einer Theorie, verstanden als eine systematische Darstellung eines Sachgebietes. Die Arbeit an solch einer Theorie, nicht die Entwicklung von Wertungsinstrumenten, gilt es daher voranzutreiben.

5.3. Systematische Darstellung

Zahlreiche einzelne gute Gedanken finden sich über viele ansonsten schlechte Arbeiten verstreut; es ist also nicht nur die Wissensmenge an sich, die uns zu schaffen macht, sondern auch ihre Aufteilung in kleine Brocken und deren aufwendige Verpackung. MERTEN hat z.B. 160 "Definitionen" von 'Kommunikation' aufgelistet. 5) Nach deren Lektüre sollte man eigentlich kundig sein, doch man ist im Gegenteil verwirrter als zuvor: Es ist eine Sammlung von einzelnen unzusammenhängenden Gedankensplittern. CARREL scheint als erster die Notwendigkeit einer systematischen Darstellung erkannt zu haben: Unsere Aufgabe ist es, aus all dem vielen Ungleichartigen eine vernünftige Auswahl zu

1 FRÜHWALD a.a.O., 2.

2 ebda., 3.

3 ebda., 5.

4 ebda., 4.

5 MERTEN, K.: Kommunikation. Eine Begriffs- und Prozeßanalyse. Opladen (1977): Westdeutscher Verlag, 168-182.

treffen. 1) Wenn unser Wissen uns dienlich sein soll, muß es in bündiger, synthetischer Form vorliegen. 2) In einer systematischen Darstellung werden mehrere solcher Gedanken aufgegriffen und nach einem bestimmten Prinzip zu einer neuen Wissenseinheit geformt, so wie man einzelne Scherben zu einem Gefäß zusammensetzt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Synthese erlaubt, unechtes Gut auszuscheiden, denn wenn bekannt ist, welche Gefäßform sich ergeben muß, läßt sich auch sagen, ob ein fragliches Teil dazugehört oder nicht. Die Anzahl der Elemente verringert sich, dadurch gewinnt man an Überschaubarkeit. Wie bei einem Merkvorgang werden viele Einzelteile zu einem neuen Gegenstand größerer Komplexität zusammengefaßt. Die Scherben verlieren ihre Identität; auf ihre Beschreibung kann daher verzichtet werden. Wissen geht dabei nicht verloren, im Gegenteil, es entsteht sogar neues, denn das ganze Gefäß ist mehr als die Summe seiner Scherben; die Veröffentlichungen, aus denen die Gedanken stammen, können ohne Schaden der Vergessenheit anheimfallen.

In Anlehnung an W. VOSSENKUHL rät FRÜHWALD zu einer Laisierung des wissenschaftlichen Wissens; damit ist keine Popularisierung gemeint, sondern etwas mit verständlichen Mitteln den begrifflich geschulten Laien und Kollegen anderer Disziplinen durchschaubar machen. Zugleich hält FRÜHWALD die Laisierung für ein Mittel, die eigenen Ergebnisse hinsichtlich Werthaltigkeit und Beständigkeit auf die Probe zu stellen. 3) Nun sollte zwar jeder um eine klare Ausdrucksweise bemüht sein; doch Laisierung ist nicht das, was CARREL unter 'bündige, synthetische Form' versteht. FRÜHWALD verkennt die eigentlichen Ursachen für die Verständniskrise, indem er sie lediglich für ein Formulierungsproblem hält. Eine systematische Darstellung kann, muß aber nicht zugleich auch allgemein verständlich sein. So sind die mathematisch-naturwissenschaftlichen Theorien systematische Darstellungen ihres Sachgebietes, aber um sie zu verstehen, ist eine besondere Ausbildung erforderlich. Steht aber einmal solch eine Darstellung zur Verfügung, dann ist auf ihrer Grundlage auch eine Laisierung möglich, wie die zahlreichen Bemühungen der Naturwissenschaften belegen; in den Geisteswissenschaften hingegen mangelt es an solchen Darstellungen; deswegen ist dort die Laisierung, wie FRÜHWALD zu Recht beklagt, noch sehr wenig entwickelt. Es hätte aber z.B. wenig Sinn, die oben erwähnten 160 Definitionen von 'Kommunikation' verständlich darzustellen, vielmehr müßte ihr Gehalt in einem einzigen zusammenhängenden Gedankengang verdichtet werden. Diesen Gedankengang zu finden, macht die eigentliche Schwierigkeit aus, nicht ihn klar darzulegen.

Ein nicht unerheblicher Teil der gegenwärtigen Wissenschaftsmisere dürfte zu Lasten eines fragwürdigen, stets die Entdeckung von etwas Neuem fordernden Forschungspostulats gehen. Neue spektakuläre Scherben produzieren ist offensichtlich verdienstvoller, als alte Scherben in jahrelanger mühevoller Kleinarbeit zu einem brauchbaren Gefäß zusammenzusetzen. Das Ergebnis dieser einseitigen Bewertung wissenschaftlicher Leistung ist nicht zu übersehen: Die wissenschaftliche Arbeit wird zunehmend uneffektiver und deren Ergebnisse für die Gesellschaft immer irrelevanter. Wir müssen offenbar nicht nur unsere Auffassung vom Typ des Wissenschaftlers revidieren, sondern auch die

1 CARREL a.a.O., 41.

2 ebda., 10.

3 FRÜHWALD a.a.O., 7.

Bedingungen, unter denen wissenschaftliche Forschung betrieben werden soll: 1) Die Entdeckung von etwas Neuem darf nicht mehr das alleinige erstrebenswerte Ziel wissenschaftlicher Forschung sein; die gleiche Wertschätzung sollte vielmehr auch der Synthese wissenschaftlicher (Einzel)ergebnisse entgegengebracht werden.

6. Resümee

Der Wissenschaftsbetrieb ist fragwürdig geworden; die Wissenschaften produzieren überwiegend Wissen für den eigenen Gebrauch. Trotz steigenden Bedarfs gibt es immer weniger Handlungswissen, eine allgemeine Desorientierung ist die Folge. Diese Situation sollte eine Herausforderung an die Wissensorganisation sein. Bisher war sie vor allem mit der Bereitstellung von Literatur befaßt, oder, etwas überspitzt formuliert: die Veröffentlichungen wurden klassifiziert und geordnet, um die Unordnung in den Veröffentlichungen, um die sogenannte Informationskrise, hat man sich dagegen wenig gekümmert. Angesichts der drängenden Probleme unserer Zeit, für die sich offenbar niemand so recht zuständig fühlt, 2) sollte diese einseitige Ausrichtung aufgegeben werden. So verstanden, umfaßt Wissensorganisation einzelwissenschaftliche Aktivitäten in Disziplinen, die sich mit dem Erzeugen, Darstellen sowie Be- und Verarbeiten von Wissen beschäftigen, einschließlich derjenigen, die hierfür Hilfestellung leisten; hinzu kommen fachübergreifende methodische Themen und Verbindungen zur Erkenntnistheorie und zu den kognitiven Wissenschaften. Aufgabe der Gesellschaft für Wissensorganisation sollte es sein, die verschiedenen Aktivitäten der Einzelgebiete zu koordinieren.

Wenn von einer Ressourcenknappheit die Rede ist, denkt man an Rohstoffe und Energie. Daß es zum Überleben auch geistiger Ressourcen bedarf, ist bisher übersehen worden. Ebenso wie in anderen Bereichen, so leben wir auch hier auf Kosten der Zukunft: Wir vermehren, aber bereichern nicht; wir schaffen keine neue Tradition, sondern verstellen nachkommenden Generationen durch unseren Gedankenmüll den Zugang zur alten. Es muß bald etwas geschehen; so wie bisher kann es nicht mehr (lange) weitergehen.

1 CARREL a.a.O., 58f.

2 Wissensorganisation ist ein Stiefkind der Forschung. Während in den europäischen Forschungsprojekten RACE und ESPRIT im großen Stil die Entwicklung von neuen, die Nachrichtenflut weiter forcierenden Kommunikationstechnologien gefördert wird, scheint es gegenwärtig kein Projekt zu geben, das sich mit den Folgen der Nachrichtenflut auseinandersetzte; die Deutsche Forschungsgemeinschaft betreut jedenfalls nach eigenen Angaben kein solches Projekt. Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Problematik ist offensichtlich noch gar nicht bewußt geworden.

Fassung vom 20.01.94