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Anmerkungen von W. Goedert
zu  P. Jaenecke: 'WISSENSDARSTELLUNG BEI LEIBNIZ'

hierzu Anmerkungen von Jaenecke

Liebe Kolleginen und Kollegen,

Die Debatte um Information und Wissen ist in den Beitraegen dieser Liste ja bereits unter verschiedenen Aspekten und mit einem breiten Verstaendnis der Begriffe gefuehrt worden. Der juengste Beitrag von Peter Jaenecke zur Wissensdarstellung bei Leibniz verengt nun die Betrachtung auf den Bereich der Kuenstlichen Intelligenz mit einem ent-individualisierten Begriff von Wissensdarstellung, ohne dass dabei ersichtlich wird, wie die Verbindung zum allgemeinen Kontext, also auch der menschlichen Informations- und Wissensverarbeitung, verstanden werden soll. Lediglich implizit sind Andeutungen vorhanden, so wenn. z.B. von einem 'Handlungstraeger' die Rede ist, der als Oberbegriff von Mensch und Rechner verstanden wird (S.3).

Ich will daher nun einen Punkt in die Debatte einzubringen, der sich an folgendem Satz festmacht:

> Die zentrale Frage, um die es in der Arbeit geht, lautet: Wie kommt
> Inhalt in ein Zeichensystem?

Wie manchem vielleicht noch erinnerlich ist, habe ich in verschiedenen Beitraegen versucht, das Verstaendnis des Informationsbegriffs in einem kognitiv-kommunikativen Kontext zu betrachten, der verschiedene Ergebnisse der Sinnes- und Neurophysiologie beruecksichtigt. Ich will die Argumente hier nicht wiederholen.

Mein Punkt hier ist: auf welchen Typ informationsverarbeitendes System zielt die gestellte Frage, nur auf informationstechnologische oder auch auf menschlich-kognitive? Genauer: wieso ist die Frage von Peter Jaenecke ueberhaupt wichtig, wenn ueber ein Verstaendnis von Information und Wissen diskutiert wird, das zwingend ja auch menschliche Informations- oder Wissensverarbeitung mit einschliesst und Analogiebetrachtungen zwischen beiden Typen hervorruft?

Ein Zeichensystem, erst recht eine Vorstellung von Quantifizierung oder Messbarkeit, ist einem Modell oder einer Theorie zugeordnet, die ihrerseits zweck- oder erkenntnisorientiertes Produkt menschlicher kognitiver Prozesse ist. Dass diese Prozesse ihrerseits in irgendeinem Verstaendnis auf die Ebene von Einheiten (informationelle oder gar kognitive) reduziert werden koennten, dafuer fehlen die Belege. Im Gegenteil gibt es zahlreiche Hinweise, dass immer auch eine qualitativ bewertende a priori Funktion im Spiel ist (ausblenden, filtern, Prioritaeten setzen, verstaerken), wenn aus Sinneswahrnehmung, Erinnerung, rueckgekoppelter Kommunikation, erfahrenenem Handeln Wissen aktiviert und ueberpueft oder generiert und gespeichert wird, wenn also bewertete kognitive Informationsverarbeitung durchgefuehrt wird. In diesem Sinn ist Inhalt immer Bestandteil kognitiver Informationsverabeitung, kann inhaltslose Informationsverarbeitung gar nicht Eigenschaft eines kognitiven Systems sein. Der Erwerb dieser Eigenschaften hat viel mit mit dem gesamten Spektrum physiologischer und psychologischer Phaenomene entlang phylo- und ontogenetischer Entwicklungen zu tun. Manches davon ist bekannt (vgl. Piaget), vieles ist sicher noch nicht vollstaendig verstanden. Es ueberwiegen aber wohl die qualitativen Phaenomene.

Kurz: die bei Jaenecke aufgeworfene Frage mag im Kontext der Informationstechnologie oder der Kuenstlichen Intelligenz ihren Reiz besitzen, ihre Evidenz fuer menschlich-kognitive Informationsverarbeitung muesste aber erst noch belegt werden. Dies soll die Fragestellung nicht entwerten, sondern lediglich einordnen helfen.

Beste Gruesse

W. Goedert
May 17, 1999

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Prof. Winfried Goedert
Fachhochschule Koeln, Fachbereich Bibliotheks- u. Informationswesen
Claudiusstr.1, D-50678 Koeln
Tel.: 49 221 8275-3388/-3376 FAX: 49 221 3318583
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