International Society for Knowledge Organization (ISKO)
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Anmerkungen von Walther Umstaetter

zur Diskussion von Gerhard Rahmstorf und Peter Jaenecke
zu ‘Kognition, Szientographie, Internet-o-metrie’ und 'Wissensgesellschaft'
 

Kommentar hierzu von Jaenecke

Ich beziehe mich damit auf die e-mail vom "9 Mar 1999", die ich aus Gruenden der Übersichtlichkeit hier nicht wiederhole.

Wir leben meines Erachtens nicht, wie alle behaupten, in der Wissensgesellschaft sonder in einer Wissenschaftsgesellschaft. Das mag terminologisch sehr pingelich klingen, hat aber entscheidende Implikationen. Unsere Gesellschaft besitzt nicht viel Wissen, gemessen an dem was sie noch brauchen wird, um zu ueberleben. Ausserdem verbirgt sich in diesem Wort "Wissensgesellschaft" die grosse Gefahr, dass unsere Rechtsprechung altes Wissen uebergebuehr schuetzt und damit so manche Innovation verhindert. In dieser Behinderung liegt ein grosser Teil der allgemeinen Unzufriedenheit ueber den heutigen Informationsmarkt. Die Parallele zum Beginn der Industrialisierung, in der schon einmal alter Besitz in Form von Grossgrundbesitz in die Schusslinie der Gesellschaft geriet, ist dabei kein Zufall. Wir stehen heute deshalb am Beginn der Wissenschaftsgesellschaft, weil die Menschen in ihr von der Wissenschaft leben und immer weniger von Produkten, die zunehmend von Robotern erzeugen werden.

Die Frage nach der Existenz sprachinvarianten Wissens scheint mir mehr ein Kommunikationsproblem im Sinne der Informationstheorie denn ein Wissensproblem zu sein. Abgesehen davon, dass wir in Begriffen und nicht in Worten (d.h. in Sprache) denken, soweit scheinen mir die Fortschritte in der kognitiven Psychologie und den Neurowissenschaften inzwischen eindeutig und klar zu sein, ist unsere Sprache ein aeusserst begrenztes Kommunikationsmittel. Dies gilt allerdings weniger fuer Übersetzungsprobleme als vielmehr fuer die hohe terminologische Unschaerfe zwischen Sender und Empfaenger - man denke nur an Benennungen wie Information oder Wissen. Wissen kann aber in Sprache nur soweit abgebildet werden, als es ihre Terminologie und ihre Syntax zulaesst.

Warum Begriffe und Relationen als Wissenseinheiten ausscheiden, wenn "schon bei LEIBNIZ" das was Wissen ist mit den Worten beschrieben wird: "Vorstellungen/Begriffe, die in Beziehung zueinander gesetzt wurden (Jaenecke) kann ich nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: Das bedeutet doch gerade, dass Wissenseinheiten nur durch die Beziehungen von Begriffen zueinander darstellbar sind.

Hier empfiehlt sich allerdings zur Vermeidung von Missverstaendnissen die Unterscheidung der Einheit von Wissen als Masseinheit in Bit von der Einheit von Wissen als Wissenselement. Beide koennen, auf unterschiedlichem Wege, zu groesseren Einheiten zusammengesetzt werden.

Die Ansicht, Wissen auf elementare Einheiten zurueckfuehren zu koennen scheint mir nicht nur auf unser logik-zentriertes abendlaendisches Denken zurueckfuehrbar zu sein, sondern auf die biologische Tatsache, dass wir immer nur begrenzte assoziative Informationsmengen durch unsere Sinne aufnehmen und durch unsern sog. ratiomorphen Apparat verarbeiten koennen. (Beispiel: Wer seine Finger einmal in ein Feuer gehalten hat kommt normalerweise rasch zu dem logischen Schluss dies nicht mehr zu wiederholen - er hat eine auf Erfahrung begruendete Information darueber wie schmerzhaft Feuer ist. Als Wissenschaftler kann er dies darueber hinaus bei Bedarf auch logisch begruenden.)

Die Frage nach den Grundeinheiten des Wissens ist eine Frage nach der Praezision des selben. Schon die Informationstheorie macht deutlich, dass die Grundelemente der Information arbitraer auf den gewuenschten Ebenen aufsetzen kann. Eine binaere Einheit kann bei ASCII-Zeichen zur Codierung von 256 Buchstaben fuehren oder die Entscheidung ueber Krieg und Frieden bedeuten. Dass man diese Dinge nicht beliebig zusammenwerfen darf ergibt sich damit zwangslaeufig.

Die Unterscheidung von Wissenstheorie, Wissenschaftstheorie und Szientographie ist im Rahmen einer solchen Diskussion sicher wesentlicher Bestandteil, wobei man zunaechst von den Worten selbst ausgehen sollte.

Wissenstheorie koennte zunaechst zwei Bedeutungen haben; eine Theorie die Wissen enthaelt bzw. eine Theorie ueber das Wissen. Da die erste Moeglichkeit tautologisch ist, kann sinnvollerweise nur die zweite Gegenstand der Betrachtung sein. In Ihr ist damit die zentrale Frage, was ist Wissen und was laesst sich theoretisch aus der Theorie ueber Wissen folgern.

Wenn wir Wissenschaft, wie wir es in unserer Gesellschaft fuer Wissenschaftsforschung getan haben, als methodisches Problemloesen definieren, dann beschaeftigt sich die Wissenschaftstheorie zwangslaeufig mit der Theorie ueber diese Aufgabe und allem was dazu gehoert. Damit kann der Aufzaehlung von Aufgaben in diesem Bereich nur zugestimmt werden: Sie befasst sich mit der Erkenntnis von Tatsachen, mit den Methoden des Erkennens und Schliessens, dem Aufbau von Theorien, den Methoden die Wahrheit sicherzustellen und mit situativen und gesellschaftlichen Faktoren, die Prozesse von Forschung und Wissenschaft bestimmen. (Mit anderen Worten, es gehoert zur Problemloesung auch das erkennen derselben, wobei Wissenschaft, wenn sie wirklich eine solche ist, methodisch vorgeht. Im Gegensatz dazu geht Forschung nicht immer methodisch vor, da sie auch nach Informationen sucht, von denen wir noch keine Kenntnis haben. Sie folgt nicht selten dem sog. random walk.)

Wenn es weiter heisst: Was Wissen ist, wird dabei nicht explizit gefragt, so ist das nur richtig, wenn wir diesen Gegenstand in der Wissensforschung bereits abgegrenzt haben. Andererseits waere es irrefuehrend, wenn man zu der Auffassung gelangen wuerde, dass man in der Wissenschaft nicht zu wissen braucht was Wissen ist - auch wenn hier bekanntlich grosse Irritationen beobachtbar sind. Die oben genannte methodische Problemloesung ist nur moeglich, wenn sie auf der Basis begruendete Information aufbaut.

Entsprechend der Szientometrie sollte auch Szientographie nicht als Beschreibung (bzw. Messung) der allgemeinen Eigenschaften von Wissen verstanden werden, sondern sich auf die Beschreibung der Wissenschaft und ihrer Arbeitsweise beziehen. Die Beschreibung von Wissen ist Gegenstand der Wissenschaft selbst. Ohne eine schriftlich dokumentierte Problemloesung ist Wissenschaft sinnlos.

Der Verweis auf SEIFFERT, "Einfuehrung in die Wissenschaftstheorie, Bde. 1-3, Beck, Muenchen 1991 (9./11. Auflage)", nach dem "die Sache viel zu komplex, (ist) als dass sie sich unter einen einzigen Begriff, naemlich 'Wissen', bringen liesse." erscheint mir abwegig. Fast alle Begriffe die wir kennen sind bei genauer Betrachtung aeusserst komplex und werden von uns trotzdem mit einer Benennung gekennzeichnet. Das gilt fuer Sein, Universum, Leben, Tod, Atom oder Wissen.

So wie Bauelemente erst durch die Architektur ihre volle Bedeutung bekommen, so gewinnt Wissen in Sprache erst durch die Syntax ihre Bedeutung und Begriffe in unserem Gehirn durch die Relationen in unserem Nervennetz.

Die Aussage: "Zum Wissen gehoert auch das Nicht-formalisierbare, das, was nur vage fassbar ist und das, was wir gar nicht zum Thema von Wissenschaft machen." stellt die Dinge auf den Kopf. Um es deutlicher zu sagen: Nicht-Wissen kann unmoeglich zum Wissen gehoeren. Das verbietet unsere Logik. Ansonsten ist gerade das, was bis heute nur vage fassbar ist Hauptgegenstand der Wissenschaft um es je nachdem praeziser oder auch fassbarer zu machen. Dabei ist es eben die Kunst in der Wissenschaft, das bisher Nicht-formalisierbare zunaechst klassifizierbar, damit organisierbar und wenn moeglich auch skalierbar bzw. messbar zu machen.

Dass ich dem Satz: "Wir koennen Wissen bisher nicht quantifizieren." vehement widersprechen muss, duerfte nach Nachrichten fuer Dokumentation 49 (4) S.221-224 (1998) verstaendlich sein.

Die Auffassungen, dass Wissen untrennbar mit menschlichem Handeln verbunden sei, zeigt lediglich, dass hinter einer solchen Aussage keine allgemein verbindliche Definition fuer Wissen steht, bzw. dass hier Wissen und menschliches Bewusstsein gleichgesetzt werden. Demnach duerfte es weder goettliches noch sog. kuenstliches Wissen geben. Das in Bibliotheken gespeicherte Wissen waere damit ebenfalls negiert.

Die Renaissance der Klassifikationen und Thesauri ist im eigentlichen Sinne kein Wiedergeburt sondern eine konsequente Fortentwicklung der Organisation von Information und Wissen in Bibliotheken und Dokumentationen. Aus den auf monohierarchie zielenden Klassifikationen des Bibliothekswesens (zur systematischen Aufstellung von Buechern) entwickelten sich zunaechst die weitaus feiner gegliederten Thesauri der Dokumentation, zur Erschliessung von nichtselbststaendigen Publikationen. Dies Publikationen enthielten Bereits weitaus begrenztere Wissenseinheiten als es die Buecher davor waren: Insbesondere in den Naturwissenschaften erkennt man eine starke Vereinheitlichung, die daraus bestanden, dass nach einer Einleitung mit kurzer Problemdarstellung, Material und Methode zur Problemloesung genannt wurden, dann die Ergebnisse erschienen, die in der Diskussion auch theoretisch begruendet und mit Ergebnissen anderer Autoren verglichen wurden. Die heutigen, die sogenannten semantischen Thesauri, die eigentlich semiotische Thesauri genannt werden muessten, gehen nun noch einen Schritt weiter, indem sie noch schaerfer umrissene Wissenselemente in Wissensbanken auch den Computern "verstaendlich" machen. Diese Wissenselemente koennen so knapp gehalten werden, weil sie in einer voellig neuen (intelligenten) Vernetzung untereinander in logische Relationen gebracht werden koennen.

In dieser neuen Aufgabe der Wissensorganisation, mit Hilfe semiotischer Thesauri, die untrennbar voneinander einen semantischen, einen syntaktischen und einen pragmatischen Aspekt haben, sehe ich die groesste Herausforderung fuer die ISKO.

Das Wissensmanagement nicht nur eine Modestroemung. Es war und ist die wichtigste Aufgabe des wissenschaftlichen Bibliothekars - nun allerdings mit neuen technologischen Moeglichkeiten. Wir sollten es allerdings terminologisch klar vom Wissenschaftsmanagement unterscheiden. Letzteres ist die logische Folge der von Kooperation gekennzeichneten Big Science. In ihr darf man die Bedeutung des Internet mit dem World Wide Web, auf der Basis von SGML, und ihre Rueckwirkung auf das Wissensmanagement nicht unterschaetzen.

Bevor wir allerdings "hochkaraetige Seminare fuer Manager" anbieten, muessen wir unser eigenes Wissen auf diesem Gebiet vertiefen, festigen und beherrschen. Solange hochkaraetige Wissenschaftler oeffentlich auftreten und wiederholt behaupten, sie wuessten nicht, was Information und was Wissen ist (mehrfach geschehen bei der Tagung der Naturwissenschaftler und Ärzte im letzten Jahr), solange habe ich aehnliche Zweifel wie Herr Jaenecke - allerdings aus anderen Gruenden.

Betriebsorgansisatoren, Soft-warespezialisten bzw. Wirtschaftsinformatiker haben inzwischen natuerlich auch die Weiterentwicklung aus dem Informationsmanagement zum Wissensmanagement durchlaufen.

Die ISKO waere eine sehr gefragte Vereinigung, wenn es ihr gelaenge, auf ihren Tagungen praktisch verwertbare wissenschaftliche Fortschritte auf dem Gebiet der Wissensorganisation vorzuweisen. Dies kann aus meiner Sicht nur auf der Basis einer fundierten Informationstheorie gelingen, weil das Problem dann nicht mehr so schwierig ist, wie Herr Jaenecke befuerchtet. Im Gegenteil, an einigen Stellen zeigen sich so verblueffend einfache Loesungen, dass man es nur schwer glauben kann.

Der traditionsreiche klassifikatorische Ansatz der ISKO gewinnt in den semiotischen Thesauri eine neue und fundamentale Bedeutung, die wir ernst nehmen, aber deswegen keinesfalls mit den dokumentarischen Thesauri von frueher verwechseln sollten.

Wissen ist aus der Sicht der Informationtheorie ein unglaublich leistungsfaehiges Instrument zur Kompression von Information, die es erlaubt, nicht nur 100 auf 10 Seiten zu verdichten, sondern um den Faktor tausend und mehr effektiver sein kann. Sie vermag dies allerdings nur in den Bereichen zu tun, in denen wir wirkliches Wissen erwerben koennen. Gerade darum loest das Wissensmangement auch das bisher so viel diskutierte Informationsmanagement ab.

Das wirkliche Problem, das wir heute haben ist, dass wir eine kritische Zahl (im Sinne der Kettenreaktion von Atomreaktoren) von Fachleuten brauchen, die in der Lage sind, die Konsequenzen der Informationstheorie fuer die der Wissenstheorie zu begreifen. Erst wenn diese Fachleute gemeinsam an einem in sich organischen Gedankengebaeude bauen, erst dann erleben wir die Sternstunde der Wissenstheorie, so wie vor etwa fuenfzig Jahren die Sternstunde der Informationstheorie Fachleute wie Shannon, Tuckey, von Neumann, Weaver oder Wiener hervorbrachte, die alle eigene Beitraege zu einem neuen Gedankengebaeude lieferten, das die Welt der letzen Jahrzehnte radikal veraendert hat.

MfG

Umstaetter, 10.03.1999
h0228kdm@rz.hu-berlin.de

 

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  19.01.2007
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