Ronald Hitzler, Angela Behring, Alexandra Göschl, Sylvia Lustig, Alexander Milanés:
Abschlußbericht zum Forschungsprojekt ... bei drei Modellversuchen der bayerischen Sicherheitswacht

Anfang

Einleitung
Recht
Aufbau
Aufgaben
Spielräume
Sicherheitswacht
Bewerbung
Ausbildung
Streifenalltag
Kennzeichnung
Einbindung
Erwartung
Das Projekt
Die SIWAs
Orientierung
Idealtypenbildung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Vortragsverzeichnis

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Anwerbung, Bewerbung und Auswahl

Anwerbung von Interessierten

Schon vor Abschluß des Gesetzgebungsverfahrens bemühten sich die zuständigen Behörden um die Anwerbung interessierter Bürger. Seit 1992 machte das Bayerische Innenministerium auf das Projekt "Sicherheitswacht" aufmerksam. Des weiteren veröffentlichte das Ministerium regelmäßige Verlautbarungen für "Presse, Rundfunk und Fernsehen". Ein erster größerer Informationsschub erfolgte nach der Ausarbeitung der Konzeption zur Sicherheitswacht und des Gesetzentwurfes im Herbst 1993. Die dahinterliegende ‘Philosophie’ wurde in ein "15-Punkte-Programm der Bayerischen Staatsregierung zur Inneren Sicherheit" (1) als Punkt 15 aufgenommen, und zwar mit der Forderung: "An die Stelle der Unkultur des Wegsehens muß mehr Mitverantwortung der Bürger für die Innere Sicherheit treten" (Bayerisches Staatsministerium des Innern 1994a).

Im November und Dezember 1993 veranstaltete das Bayerische Staatsministerium des Innern in den jeweiligen Städten Pressekonferenzen. Dabei warb in der Modellstadt Nürnberg vornehmlich der bayerische Innenminister Günther Beckstein und in Ingolstadt der Staatsekretär des Innern, Hermann Regensburger. In Deggendorf war die Werbung für die Sicherheitswacht zwar nicht, wie in den beiden anderen Modellversuchsstädten, durch einen weit über die Stadt hinaus bekannten Politiker gekennzeichnet, dennoch stand auch hier ein für diese Kommune bedeutsamer Amtsträger hinter dem Projekt: Oberbürgermeister Görlitz (CSU) unterstützte die Werbung für die Sicherheitswacht. Bei offiziellen Anlässen wurden in allen drei Städten amtliche Flugblätter ausgegeben, die die Bevölkerung über die geplante Aktion unterrichteten; gleichzeitig wurden Personen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllten (vgl. 3.3.) aufgefordert, sich zu bewerben. Zudem sorgten Veröffentlichungen in der Regionalpresse für Verbreitung der Informationen. Die aktive Werbephase schloß mit Beginn der Ausbildung der ausgewählten Bürgerinnen und Bürger Ende Januar 1994. Nach Beendigung des offiziellen Auswahlverfahrens wurde eine erst zu diesem Zeitpunkt fertiggestellte Informationsbroschüre (2) (Erstauflage: 30.000) in den Behörden der Modellstädte ausgelegt und von Angehörigen der Sicherheitswacht auf ihren Streifengängen verteilt. In den Polizeiinspektionen lagen die Faltblätter auch aus, allerdings nicht in erster Linie, um geeignete Bewerber zu erschließen, da sich die Klientel der PI nach Ansicht von zuständigen Beamten nicht unbedingt für den Streifendienst eignet, sondern eher zur allgemeinen Information der Bürger und zur Sympathiewerbung in den Polizeibehörden.

In Nürnberg. warb vornehmlich Günther Beckstein als Wahlkreisabgeordneter des Landtags für die Einrichtung der Sicherheitswacht. Der mittlerweile zum Innenminister aufgestiegene Politiker informierte beispielweise auf einer Pressekonferenz am 17.12.1993 über den Modellversuch. Bei dieser Gelegenheit forderte er die Bürger auf, sich zu bewerben. In den Artikeln der Nürnberger Regionalpresse wurde anfangs kaum zum Engagement aufgefordert: Die Berichterstattung dürfte damals eher eine ‘Negativwerbung’ dargestellt haben, äußerte man sich darin doch - im Vergleich zu den anderen beiden Modellstädten - recht kritisch (vgl. 4.1. und 4.2.). Im Dezember 1993 umfaßte die Nürnberger Berichterstattung unseren Recherchen zufolge mindestens einmal die Veröffentlichung der Auswahlkriterien und der Telefonnummer der zuständigen Polizeiinspektion. Auch Berichte, die das Lokalradio ausstrahlte, dürften der Anwerbung gedient haben.

Eine intensive Werbung erfolgte in Ingolstadt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil diese Stadt mit der CSU und ihrer Innenpolitik eng verbunden ist: Im Sommer 1992 erfuhr die Bevölkerung durch die Regionalzeitung "Donaukurier" von den Erwägungen, in ihrer Stadt eine Sicherheitswacht zu installieren. Seitdem warb der Ingolstädter CSU-Landtagsabgeordnete und damalige Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Hermann Regensburger, bei öffentlichen Veranstaltungen beständig für dieses Konzept und wies Kritiken von oppositioneller oder polizeigewerkschaftlicher Seite zurück. Im September 1992 tagte der innenpolitische Arbeitskreis der CSU-Landtagsfraktion (Vorsitz: Hermann Regensburger) in Ingolstadt, was auch der damalige Innenminister Edmund Stoiber nutze, um für das Projekt als "gesamtgesellschaftliche Aufgabe" zu werben. Ebenfalls unterstrichen wurde dies auf einer Sitzung des Landesvorstandes des CSU-Arbeitskreises Polizei im Dezember 1992. Als endgültig beschlossen war, eine Sicherheitswacht in Ingolstadt einzurichten, veröffentlichte der mittlerweile zum Staatssekretär des Innern aufgestiegene, prominenteste Ingolstädter Fürsprecher einen dreispaltigen Artikel im ‘Donaukurier’ mit dem Titel: "Sicherheitswacht ist keine Hilfspolizei". Darin stellte Hermann Regensburger die Konzeptidee vor und erläuterte nähere Einzelheiten.

Im August 1993 stellte sich der Arbeitskreis "Polizei" des CSU-Kreisverbandes bei einem Gespräch mit Staatssekretär Hermann Regensburger hinter die Pläne des Bayerischen Innenministeriums. Auch jüngere Ingolstädter warben für die bayerische Sicherheitswacht auf ihre Weise: Im Oktober 1993 lud die Junge Union zu einer Podiumsdiskussion ein. Vertreten waren das Bayerische Innenministerium durch Staatssekretär Hermann Regensburger, die Polizei durch den damaligen Leiter der Polizeiinspektion Ingolstadt und die Opposition durch den Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei, Hartmut Preuß. Der Ingolstädter Landgerichtspräsident und der CSU-Ortsverband Südost stellten sich auf dieser Veranstaltung öffentlich hinter das Konzept. Vor der Frauen-Union im Nachbarort Eichstätt warb Hermann Regensburger während eines Vortrages im November 1993, und am 23. dieses Monats forderte er in Ingolstadt mit dem Slogan: "Gemeinschaft macht stark!" die Bevölkerung auf, sich zu bewerben. Ab diesem Zeitpunkt wurden in nahezu jedem Artikel über die Sicherheitswacht im ‘Donaukurier’ die Einstellungsvoraussetzungen sowie die Telefonnummer des dortigen Leiters der Polizeiinspektion veröffentlicht, gleichzeitig wurde zur Bewerbung aufgefordert. Auch der Leiter der Polizeiinspektion rief die Bürgerinnen und Bürger von Ingolstadt in der Presse auf, sich für den Streifendienst zu melden. Werbung für die Ingolstädter Sicherheitswacht stellten auch die Berichte des Regionalfernsehens nach den Pressekonferenzen dar, zudem hatte die Polizeiinspektion Behörden und Postämter mit der Bitte angeschrieben, Informationsblätter an deren schwarzen Brettern auszuhängen. Die dort Beschäftigten wie auch der Parteiverkehr sollte dadurch informiert und interessiert werden. Diese Werbemaßnahme brachte jedoch weitaus weniger Resonanz als die Presseveröffentlichungen: Nach praktisch jedem Artikel gingen Anfragen bei der Polizeiinspektion ein. Die späteren Angehörigen der Sicherheitswacht bezogen ihr Wissen über diese geplante Institution zumeist aus jenen Artikeln in der Lokalpresse sowie aus Berichten im Programm des örtlichen Regionalfernsehens bzw. Lokalradios.

Hermann Regensburger warb auch in Deggendorf für die Sicherheitswacht: Im November 1993 informierte er den Oberbürgermeister sowie Vertreter der dortigen Polizei über den Modellversuch, gemeinsam wurde dann eine Pressekonferenz zum Thema veranstaltet. Der Oberbürgermeister zeigt sich an einer Zusammenarbeit von Bürgern und Polizei interessiert und warb bereits im Dezember 1993 mit einem Anschreiben bei den (ca. 300) ortsansässigen Vereinen für den Einsatz deren Mitglieder in der Sicherheitswacht. Außerdem forderte er die städtischen Angestellten und Arbeiter bei der Weihnachtsfeier 1993 auf, sich bei der Sicherheitswacht zu bewerben.

Auch in dieser Modellstadt scheint die Verbreitung der Informationen über die Lokalpresse den entscheidenden Ausschlag zur Bewerbung gegeben zu haben: Die späteren Angehörigen der Deggendorfer Sicherheitswacht erfuhren von dem Vorhaben zumeist über Zeitungen und Fernsehen, aber auch Bekannte und Verwandte waren Informationsquellen. Mund-zu-Mund-Propaganda spielte im eher ländlichen Deggendorf eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung von Informationen über die Sicherheitswacht und der Anwerbung von Interessenten.

 

Bewerberauswahl

Als Folge dieser Werbemaßnahmen gingen in den drei Städten insgesamt 122 Anfragen ein, darunter in Nürnberg 38 von Männern und 6 von Frauen, in Ingolstadt 35 von Männern und 17 von Frauen, und in Deggendorf standen 23 männliche 3 weiblichen Interessenten gegenüber (3). Daß Ingolstadt die größte Anzahl an Anfragen vermeldete, dürfte auch an der in dieser Stadt besonders intensiven Werbekampagne liegen.

Von den 44 Interessierten in Nürnberg wurden fünf Personen die Bewerbungsunterlagen mit der Begründung nicht zugesandt, daß sie die Altersvorgabe nicht erfüllten und ihren Wohnsitz nicht im Bereich der PI hatten. Acht Personen der verbliebenen 39 sendeten die Unterlagen nicht zurück, drei zogen ihre Bewerbung zurück. Durch Rücksendung der ausgefüllten Unterlagen bewarben sich in Nürnberg endgültig also 28 Personen. Über Geschlecht, Alter oder Berufsgruppen ist uns hier nichts bekannt.

Die Polizeiinspektion Ingolstadt sendete 52 Interessierten (35 männlich, 17 weiblich - darunter jeweils eine Person mit ausländischer Staatsbürgerschaft) die Bewerbungsunterlagen zu. Die Aufteilung nach Alters- und Berufsgruppen unter den Interessierten war wie folgt: am stärksten war die Gruppe der 31-40jährigen vertreten mit 39 %, gefolgt von der Gruppe der 18-25jährigen mit 23 %. Jeweils gleich stark besetzt waren die Gruppen der 26-30jährigen und die der 41-50jährigen mit 15,4 %. Am schwächsten vertreten war die Gruppe der über 50jährigen mit 7,5 %. Was die Berufsgruppen betrifft, waren Facharbeiter und Facharbeiterinnen mit fast 50% am häufigsten vertreten, dann Angestellte mit 20 %, 10 % Arbeitslose, 8 % Hausfrauen, daneben zwei Studentinnen, zwei Angehörige privater Sicherheitsdienste, schließlich jeweils eine Auszubildende, ein Soldat, ein Landwirt und ein Rentner. Diesen Interessenten schickte man die Bewerbungsunterlagen zu, woraufhin sich 21 Personen bewarben: dreizehn Männer und acht Frauen. Wieder war die Altersgruppe der 31-40jährigen am stärksten vertreten (acht Bewerber und Bewerberinnen), gefolgt von den 41-50jährigen und von den 18-25jährigen (jeweils fünf Bewerber und Bewerberinnen), dann die 26-30jährigen (zwei) und die über 50jährigen (einer). Bei den Berufsgruppen war die der Facharbeiter und Facharbeiterinnen mit acht am stärksten vertreten, dann die der Angestellten mit fünf, Arbeitslosen mit drei, Studentinnen mit zwei und Soldaten, Angehörige privater Sicherheitsdienste und Hausfrauen mit jeweils einem Bewerber bzw. einer Bewerberin.

In Deggendorf interessierten sich 26 Personen (23 Männer und 3 Frauen) für die bayerische Sicherheitswacht. Ihre Altersstruktur war wie folgt: Die Gruppe der 18-30jährigen lag bei 18 %, die Gruppen der 31-43jährigen und der 44-56jährigen bei je 41 % (von drei Eingeladenen ist uns das Alter nicht bekannt). Der Großteil der Interessenten war also zwischen 31 und 55. Eine Verminderung der Bewerberzahl erfolgte zunächst dadurch, daß einige die Unterlagen nicht zurücksandten. Beworben haben sich schließlich 17 Personen, darunter 11 Männer. Die Berufe der Bewerber erfaßte die Polizeibehörde nur unvollständig.

Von hohem Interesse für uns wären im Hinblick auf Kapitel 5.1. die Motive aller Interessenten und Bewerber gewesen - insbesondere derer, die ihre Bewerbung zurückzogen bzw. nicht weiter verfolgten. Allerdings konnten wir auf solche in den jeweiligen Polizeiinspektionen vorliegende Daten mit Rücksicht auf den Datenschutz nicht zugreifen.

 

Auswahlverfahren

Diejenigen Bewerber, die die Unterlagen an die jeweilige Polizeibehörde zurückgesendet hatten, mußten grundsätzlich gewisse Voraussetzungen erfüllen. Laut Vollzugsbestimmung (4) konnten nur solche ausgewählt werden, die Deutsche im Sinne des Artikels 116 GG sind. Dabei konnten dienstlich begründete Ausnahmen gemacht werden. Angehöriger der Sicherheitswacht konnte zudem in der Regel nur werden, wer zwischen 18 und 55 Jahre alt war. Damit wollte das Bayerische Staatsministerium den Eindruck vermeiden, eine zur Wichtigtuerei neigende ‘Rentnertruppe’ aufstellen zu wollen, zumal ein kürzerer Verwendungszeitraum als fünf Jahre (bei einem Höchsteinsatzalter von 60 Jahren) angesichts des Ausbildungsaufwandes wohl als wenig rentabel eingeschätzt wurde. Dann sollten die Bewerber zum einen dem Streifendienst geistig und gesundheitlich gewachsen, zum anderen zuverlässig und verantwortungsbereit sein sowie einen guten Ruf besitzen, und schließlich sollten sie für die freiheitlich-demokratische Grundordnung nach dem Grundgesetz und nach der Bayerischen Verfassung eintreten. Zudem mußten sie eine abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung durch Zeugnis nachweisen, und sie sollten möglichst nicht hauptberuflich bei einem privaten Sicherheitsunternehmen beschäftigt sein.

Ingesamt bewarben sich 66 Personen für die bayerische Sicherheitswacht. Eine erste Auswahl fand dadurch statt, daß die jeweiligen Polizeiinspektionen prüften, ob diese die Altersvorgaben erfüllten und im Einzugsgebiet wohnten. Die verbliebenen Bewerbungen wurden dann auf die anderen Einstellungsvoraussetzungen hin geprüft. In einem "Fragebogen für die Bewerbung von Bürgern für die Bestellung von Bürgern für die Bestellung zur Sicherheitswacht" wurden Personalia sowie u.a. Schul- und Berufsbildung abgefragt. Des weiteren mußte der Bewerber Angaben zur polizeilichen Führung machen und zwei Personen angeben, die zu Auskünften über ihn bereit sind, was der Prüfung von Zuverlässigkeit und Ruf dienen sollte. Zur "Prüfung der Verfassungstreue" mußte man ebenso einen Fragebogen ausfüllen und u.a. darüber Auskunft geben, ob man einer extremistischen oder extremistisch beeinflußten Organisation angehört oder angehört hat. Hierzu konnten im Zweifelsfall auch beim Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz um etwaige Erkenntnisse angefragt und beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik "Antrag auf Feststellung einer eventuellen Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst" gestellt werden. Die Einwilligung dazu mußte vom Betroffenen gegeben sein, wie auch die Einwilligung zur Einholung von Auskünften über ihn bei der zuständigen Polizeidienststelle. Des weiteren war vorgesehen, die jeweilige Wohnsitzgemeinde formlos, aber schriftlich dazu zu befragen, ob aus ihrer Sicht Zweifel bestehen. Dann unterschrieben die Bewerber und Bewerberinnen eine Erklärung darüber, daß sie sich zu den Grundsätzen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekennen und dafür eintreten würden. Auch ersuchte das Bayerische Innenministerium für alle Bewerber und Bewerberinnen um "unbeschränkte Auskunft aus dem Zentralregister und um Auskunft aus dem Erziehungsregister" beim Bundesgerichtshof in Berlin, aus dem nur oberste Dienststellen Auskünfte erhalten. Im Bundeszentralregister, das vom Generalbundesanwalt in Berlin geführt wird, werden alle rechtskräftigen Verurteilungen nach dem Strafrecht und andere strafrechtlich bedeutsame behördliche Entscheidungen eingetragen.

Diese Registerauskunft ist eine erweiterte Form des als "polizeiliches Führungszeugnis" bekannten Auszugs aus dem Bundeszentralregister, den jede Privatperson in Berlin anfordern kann. Erweitert ist sie deshalb, weil bei unbeschränkter Auskunft aus dem Zentralregister auch strafrechtlich geringerwertige Delikte eingetragen werden als im polizeilichen Führungszeugnis. Nur besondere Behörden (insbesondere Sicherheitsbehörden) können um eine solche Auskunft ersuchen. In Berlin angefragt wird normalerweise wegen Personen, die im Sicherheitsbereich eingesetzt werden (z.B. Beamte im Justiz- und Polizeivollzugsdienst). Da nach Ansicht des Bayerischen Innenministeriums gerade die Tätigkeit von Bürgern in der Sicherheitswacht ein hohes Maß an Zuverlässigkeit erfordert, mußten die Bewerberinnen und Bewerber bereit sein, sich all jenen Überprüfungen zu unterziehen.

Nach Überprüfung der ausgefüllten Bewerbungsunterlagen und verschiedenen Anfragen fielen einige Bewerber aus dem Voraussetzungsrahmen. Die verbleibenden wurden zu einem Eignungstest eingeladen, der die persönliche und geistige Befähigung prüfen sollte. Dazu mußten die Bewerber innerhalb einer halben Stunde einen handschriftlichen Lebenslauf verfassen und an einem fünfzehnminütigen Vorstellungsgespräch teilnehmen. Dem aus dem Vorstellungsgespräch sich ergebenden persönlichen Eindruck wurde große Bedeutung beigemessen, denn gerade "Wichtigtuer" wollte man fernhalten. Befragt wurden die Bewerber somit nach ihren Motivationen, nach ihren Kompetenzen, Auseinandersetzungen zu bewältigen, nach extremistischen Neigungen, nach dauerhaftem Engagement usw. Die gesundheitliche Eignung wurde dadurch festgestellt, daß man den jeweiligen Bewerber über etwaige körperliche Mängel befragte bzw. sich einen "persönlichen Eindruck" verschaffte.

Aufzeichnungen über diese Vorstellungsgespräche, insbesondere über die Befragungen nach Motivationen, wären für uns im Hinblick auf Kapitel 5.1. von hohem Interesse gewesen. So hätte man durch einen Vergleich dieser polizeilichen Unterlagen mit unseren Interviews möglicherweise Abweichungen feststellen können. Gerade zu Anfang dürften die Motivationen der Bewerber zwar nicht gerade unbeeinflußt von der vorausgegangenen Medienberichterstattung, aber doch zumindest einer direkten Einflußnahme von Seiten des Bayerischen Innenministeriums und der Polizeibeamten entzogen gewesen sein. Der Verlauf der Interviews läßt vermuten, daß die Angehörigen der Sicherheitswacht in immer stärkerem Maße Vorstellungen ihrer ‘Vorgesetzten’ übernahmen - bisweilen wohl auch nur teilweise, und bisweilen auch ‘nur’ äußerlich. In unserem Datenmaterial finden sich nach einer ersten, allerdings noch sehr oberflächlichen Durchsicht nämlich immer wieder Hinweise darauf, daß sich Sicherheitswachtangehörige Positionen der Akteure des Bayerischen Innenministeriums zu eigen machten.

Dies hat vermutlich seinen Grund darin, daß die Angehörigen der Sicherheitswacht ob ihrer eigenen Motivationen zum und ihrer Vorstellungen vom Streifendienst zu Beginn der Ausbildung (gezielt?) verunsichert wurden. Sie mußten erfahren, daß sie keine ‘Räuber dingfest machen’ würden, daß sie nicht an Brennpunkten der Kriminalität eingesetzt würden, daß folglich auf Streife eher wenig passieren würde und daß dies sogar der erstrebenswerte Fall wäre. Nach Auskunft einzelner Ausbilder mußte so mancher ‘auf den Teppich’ zurückgeholt werden bezüglich Art und Zahl der Vorfälle, die man sich als Auszubildender erwartete. Eine Folge dieses Aufbrechens eigener Vorstellungen und damit verbundener Motivationen könnte sein, daß die Wissenslücke, die sich durch diese ‘Erschütterung’ ergab, zunächst mit der Adaption der Vorstellungen des Bayerischen Innenministeriums gefüllt wurde.

Die Zuständigkeit für die Bewerberauswahl lag bei den drei Polizeidirektionen, insbesondere unter Mitwirkung der jeweiligen Inspektionsleiter und der vorgesehenen späteren Betreuer. Bei vier von 28 Nürnberger Bewerbern lagen die Grundvoraussetzungen nicht vor, so daß 24 Bewerber zum Test eingeladen wurden. Davon traten 23 zum Test an; fünf Bewerber wurden nach Beendigung des Auswahlverfahrens als "nicht geeignet" eingestuft und damit vom weiteren Verfahren ausgeschlossen, so daß 18 zur Ausbildung übernommen wurden: 4 Frauen und 14 Männer, darunter ein Ausländer. Über die Altersverteilung in Nürnberg ist uns lediglich bekannt, daß die Spanne zwischen 19 und 54 Jahre lag. An Berufen vertreten waren: ein Schüler, ein Selbständiger, zwei Beamte, sechs Facharbeiter und Facharbeiterinnen, sieben Angestellte und eine Hausfrau.

In Ingolstadt wurden von 21 Bewerbern 19 Personen (darunter sechs Frauen und ein Ausländer) zum Eignungstest eingeladen. Diesen ‘bestanden’ letztlich dreizehn Personen - sieben Männer (darunter der Ausländer) und alle sechs Frauen. Hier ist uns eine etwas detailliertere Altersschichtung bekannt: Fünf waren zwischen 18 und 30 Jahren alt, weitere fünf zwischen 31 und 43, und drei zwischen 44 und 56. Insgesamt wurden jüngere Bewerber überproportional häufiger übernommen. Die Ausbildung traten schließlich zwei Studentinnen, sieben Facharbeiter und Facharbeiterinnen, zwei Angestellte, ein Soldat und eine Hausfrau an. Diese alters- und berufsmäßige Verteilung ergab sich auch dadurch, daß in Ingolstadt Wert darauf gelegt wurde, eine ‘statistisch möglichst repräsentative’ Zusammensetzung der Sicherheitswacht zu erhalten. Da der Modellversuch unter möglichst ‘natürlichen’ Bedingungen ablaufen sollte, nahm man sozusagen ‘von allem etwas’. Um den Vorgaben des Innenministeriums Folge zu leisten, wurden hauptberufliche Angehörige privater Sicherheitsdienste und Arbeitslose nicht aufgenommen.

In Deggendorf wurden von den 17 Bewerbern mit komplett eingereichten Unterlagen vier sofort ausgesondert. 13 Personen (11 Männer und 2 Frauen) wurden folglich zum Eignungstest eingeladen, wovon zwölf auch antraten. Von diesen wurden schließlich nur sieben Männer und zwei Frauen ausgewählt und für die Ausbildung zugelassen; dabei war die Altersgruppe der 18-30jährigen mit fünf Personen am stärksten vertreten. Zwei Personen waren zwischen 31 und 43, weitere zwei zwischen 44 und 56 Jahre alt. Für Deggendorf sind genauere Informationen über die Bildungsabschlüsse der Übernommenen verfügbar: sechsmal Hauptschulabschluß, zweimal Mittlere Reife und einmal Fachhochschulabschluß. Entsprechend stellt sich die Verteilung auf einzelne Berufsgruppen dar: In die Ausbildung übernommen wurden Arbeiter, Facharbeiter, Angestellte und auch Beamte a.D.

Nach den von den verschiedenen Polizeidirektionen durchgeführten Auswahlverfahren wurden für geeignet gehaltene vierzig Personen (28 Männer und 12 Frauen) mit der Aushändigung einer Urkunde durch die jeweilige Polizeidirektion vorläufig zu Angehörigen der Sicherheitswacht bestellt und zur Ausbildung zugelassen. In Nürnberg erhielten im Rahmen einer Pressekonferenz Anfang Februar sieben Vertreter der bayerischen Sicherheitswacht aus den drei Modellstädten vom Innenminister Beckstein ihre Ernennungsurkunden sowie symbolisch ihre hellgrünen Armbinden ausgehändigt. Die Ingolstädter SIWAs erhielten diese bei einem offiziellen Termin in der Polizeidirektion vom Staatssekretär des Innern, Hermann Regensburger. In Deggendorf übernahm dies der Leiter der Polizeidirektion Straubing, Polizeidirektor Lang.

 

(1) Darin werden staatliche Maßnahmen postuliert, mittels derer gegen Kriminalität vorgegangen und für innere Sicherheit - und damit ‘für die Entfaltung der persönlichen Freiheit eines jeden’ - gekämpft werden sollen (vgl. Behring 1994, Göschl/Lustig 1994, Hitzler 1994c).

(2) vgl. Bayerisches Staatsministerium des Innern 1994b.

(3) Materialbasis der folgenden Ausführungen (3.3. und 3.4.) sind v.a. Artikel aus bayerischen Tageszeitungen aus den Jahren 1993-1994, amtliche Pressemitteilungen sowie uns zur Verfügung gestellte Unterlagen aus dem bayerischen Innenministerium.

(4) Vgl. auch Kapitel 2.