Ronald Hitzler, Angela Behring, Alexandra Göschl, Sylvia Lustig, Alexander Milanés:
Abschlußbericht zum Forschungsprojekt ... bei drei Modellversuchen der bayerischen Sicherheitswacht

Anfang

Einleitung
Recht
Aufbau
Aufgaben
Spielräume
Sicherheitswacht
Bewerbung
Ausbildung
Streifenalltag
Kennzeichnung
Einbindung
Erwartung
Das Projekt
Die SIWAs
Orientierung
Idealtypenbildung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Vortragsverzeichnis

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Zusammenfassung und neue Fragestellungen

Insgesamt zeigt sich, daß bei allen hier vorgestellten Wahrnehmungen, Einstellungen und Erfahrungen große individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Sicherheitswachtangehörigen erkennbar sind. Diese Besonderheiten des Einzelfalles erklären das konkrete Verhalten der diensttuenden SIWAs eventuell besser als die generellen rechtlichen bzw. polizeilichen Rahmenbedingungen. Die oben genannten - eher allgemein gehaltenen - Aussagen müßten dementsprechend für einzelne SIWAs präzisiert werden, nicht zuletzt, um aus der noch zu nutzenden Dichte des Interviewmaterials präzisere Typisierungen herauszuarbeiten. Dies bedeutet, daß auf der Basis der Interviews (und der Beobachtungsprotokolle) nun auch hermeneutische Einzelfallauswertungen durchzuführen wären, um die vorliegenden, zunächst nur vorläufigen Materialanalysen inhaltlich zu validieren und zu konkretisieren.

Insbesondere auf der Ebene der recht unspezifisch gebliebenen Verhaltenstypisierungen erscheinen weitere, konkretisierende Fragestellungen notwendig, um präzisere Angaben über die das Verhalten bestimmenden Einzelfaktoren - insbesondere solche des Rechtswissens und damit der Rechtswirkung - sowie über je typisch oder auch nur im Einzelfall mögliche Faktorenkombinationen zu erhalten. Diese müßten ausgehend von der je vorliegenden Fallstruktur so konkretisiert werden, daß aus den Typisierungen Verhaltenstypen gebildet werden könnten, die über die Zusammenhänge von Recht und Verhalten konkretere Aussagen erlauben. Hierzu scheint uns auf der Basis der ersten Materialanalysen von besonderer Relevanz zu sein, das Verhältnis der Motivationstypen zu den vorgenommenen Verhaltenstypisierungen herzustellen.

Für dieses Verhältnis von Motivationstypen zu Verhaltenstypisierungen sind zunächst einmal die sich am Einzelfall konkret zeigenden Motive und Verhaltensmerkmale zu analysieren. Wenn sich auf dieser Grundlage die ersten Typisierungen aufrecht erhalten lassen, kann im Vergleich verschiedener Fälle geprüft werden, ob bestimmte Verhaltensweisen immer dann auftreten, wenn bestimmte Motivkonstellationen gegeben sind.

Zu klären bleibt auch die Frage nach dem Einfluß der gesammelten Streifenerfahrungen auf diese ‘Typen’. Hierbei kann die Präzisierung des Verhältnisses zwischen in den Interviews genannten Bezügen der verschiedenen Akteursgruppen (z.B. Bürger und SIWAs) und den einzelnen Motivations-/Verhaltenstypen hilfreich sein. Zum einen könnte so anhand konkreter Vorfallerfahrung einzelner SIWAs auf zukünftiges oder angestrebtes zukünftiges Verhalten geschlossen werden (Konsistenz der Typen). Zum anderen kann hierbei der Frage nach spezifischen Verhaltensweisen gegenüber bestimmten Problemgruppen oder Bevölkerungsgruppen nachgegangen werden.

Aus diesen angedeuteten Fragerichtungen ließen sich also zumindest zwei Aspekte der SIWA-Tätigkeit besser erschließen: Zum einen die immer wieder aufgeworfene Frage nach der benachteiligenden oder doch zumindest gesonderten Behandlung bestimmter - immer gleicher - Bevölkerungsgruppen durch bestimmte Konstellationen von Sicherheitswachtangehörigen oder durch bestimmte einzelne SIWAs. Und zum anderen würde mit der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen das Problem der Motivation in seinem Bedingungskontext eingehender untersucht.

Über den Untersuchungskontext ‘Sicherheitswacht’ hinaus sind uns im Zusammenhang einer längeren Beschäftigung mit Fragestellungen im Forschungsfeld ‘innere Sicherheit’ gewisse Parallelen zu zunächst scheinbar völlig anderen Alltagsphänomenen aufgefallen. Der SIWA ist aus wissenssoziologisch-hermeneutischer Perspektive unter Fokussierung auf die Problematik des Spannungsfeldes von Recht und Verhalten in zweierlei Hinsicht relevant: Zum einen wäre an ihm exemplarisch aufzuzeigen, wie die zu Motivationen bzw. Relevanzstrukturen geronnene Alltagswahrnehmung von Kriminalität bzw. Gewalt (oder auch nur ‘Unordnung’) in Handlungsweisen mündet, die in gewisser Weise als Bewältigung einer wahrgenommenen Bedrohungssituation begriffen werden können. Zum anderen wäre zu zeigen, wie diese Bewältigungsmaßnahme unter den je spezifischen Bedingungen der freiwilligen Einbindung in einen rechtlich verfaßten Organisationskontext alltagspragmatisch umgesetzt wird. Banalerweise wird ja (nicht nur) das Verhalten der SIWAs unserer Erkenntnislage nach nicht durch Gesetze, sondern durch das Wissen über Gesetze bestimmt. Das Zustandekommen dieses Wissens wäre nunmehr genauer zu rekonstruieren.

Ebensolche Verkettungen der Wahrnehmung von Bedrohungs- bzw. Gefährdungslagen und ihrer Bewältigung durch legales Handeln im Kontext allgemeiner (z.B. Notwehrrecht) oder auch sehr spezifischer Gesetze (z.B. Waffenrecht) lassen sich unserer Einschätzung nach auch an anderen mehr oder weniger neuen Phänomenen der Alltagswelt aufzeigen. Den ersten Versuch der analytischen Zusammenführung unter dem Aspekt der Wirkungsweise bzw. der ‘Unwirksamkeit’ von Recht haben wir in einem zur Vorbegutachtung der Volkswagen-Stifung eingereichten, thematisch erweiterten Projektvorhaben unternommen.