Ronald Hitzler, Angela Behring, Alexandra Göschl, Sylvia Lustig, Alexander Milanés:
Abschlußbericht zum Forschungsprojekt ... bei drei Modellversuchen der bayerischen Sicherheitswacht

Anfang

Einleitung
Recht
Aufbau
Aufgaben
Spielräume
Sicherheitswacht
Bewerbung
Ausbildung
Streifenalltag
Kennzeichnung
Einbindung
Erwartung
Das Projekt
Die SIWAs
Orientierung
Idealtypenbildung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Vortragsverzeichnis

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Rechtskenntnis der SIWAs

Die in diesem Abschnitt behandelte Rechtskenntnis der Sicherheitswachtangehörigen beruht auf der sich aus den Untersuchungen ergebenden Annahme, daß die Spezifikation des Verhaltens erst auf der Basis der von den Sicherheitswachtangehörigen formulierten eigenen Rechtskenntnisse plausibel wird. Denn wie bereits oben (Kapitel 2) dargestellt, ergibt sich aus den Konstruktionen des SEG, daß die Akteure notwendigerweise handlungsrelevante Interpretationen hinsichtlich der Situationen vornehmen müssen, die für die Sicherheitswachtangehörigen eingriffsrelevant sind. Hieraus wird schon ersichtlich, daß ‘Rechtswissen und Handlungsorientierung’ (Kapitel 6) der Sicherheitswachtangehörigen stark kontext- und situationsbezogen ist.

Die Rechtskenntnis der Sicherheitswachtangehörigen bezieht sich in erster Linie auf die im SEG festgelegten Befugnisse. Alle SIWAs wußten, auch wenn sie dieses Wissen nicht auf entsprechende Paragraphen zurückführen konnten, welche Maßnahmen sie anwenden dürfen (also: Identitätsfeststellungen vornehmen, Platzverweise aussprechen und Befragungen vornehmen). Darüber hinaus zeigten die meisten SIWAs Kenntnisse der rechtlichen Rahmenbedingungen, allerdings nicht alle in gleich hohem Abstraktionsmaß, gleich großer Vollständigkeit und entsprechender Präzision. Diese Äußerungen zeigen in der Regel mehr eine alltagsprachliche Übersetzung der Rechtsnormen, d.h. die Sicherheitswachtangehörigen wissen, wodurch sich Ordnungswidrigkeiten, Straftaten und Gefahrenlagen auszeichnen, welche Tatbestände als strafrechtlich relevante anzusehen sind und was generell als Bagatellfall gilt. In der Regel können aber weder einzelne rechtliche Sachverhalte präzise dargestellt werden, noch diese auf die entsprechenden Gesetze bezogen werden. Im Gegensatz zu dieser generellen Orientierung zeichnen sich einige der Sicherheitswachtangehörigen durch eine im Verhältnis hohe Sachkenntnis der Rechtsbezüge aus. Diese können dann sehr präzise rechtsrelevante Begriffe angeben (z.B. abstrakte und konkrete Gefahr, pflichtgemäßes Einschreiten, Handlungsermessen, etc.), diese erklären und teilweise auch auf ihre Rechtsbezüge verweisen.

Diese in der Ausbildung doch recht solide vermittelte Rechtskenntnis (es wurde sowohl in der Ausbildung als auch bei der Prüfung am Ende der Ausbildung nicht erwartet, daß die Sicherheitswachtangehörigen einzelne Paragraphen erläutern oder Sachverhalte auf diese zurückführen können) wird von den Sicherheitswachtangehörigen zwar als reine Theorie bezeichnet, die mit der Praxis nur bedingt zu tun hat, erhält nach der Selbsteinschätzung der SIWAs jedoch eine große Bedeutung als ‘Hintergrundwissen’. Dieses ist zwar im Detail nicht abrufbar, aber immer wieder nachlesbar. Daraus resultiert eine sich scheinbar bei den Sicherheitswachtangehörigen durchgesetzte Praxis des ‘immer mal wieder in den Ordner schauens’, um sich, sei es nur so oder aus gegebenen Anlässen (etwaige Vorfälle, unklare Situationen), die Rechtsgrundlagen wieder einmal in Erinnerung zu rufen. Dazu gehört auch das aktuell während der Streife über Funk praktizierte ‘Nachfragen-Könnens’, was den Sicherheitswachtangehörigen eine recht große Sicherheit im Umgang mit den rechtlichen Grundlagen gab. Dementsprechend gibt es nach Einschätzung der Sicherheitswachtangehörigen auch keine Probleme aufgrund rechtlicher Bestimmungen hinsichtlich der Ausübung ihres Dienstes.

Als gängige, wohl auch aufgrund der zum Teil unvollständigen und eben nicht unmittelbar aktualisierbaren Rechtskenntnisse, hat sich eine Interpretation bei den Sicherheitswachtangehörigen für die praktische Tätigkeit herausgebildet, die mit der vielgebrauchten Metapher des ‘gesunden Menschenverstandes’ umschrieben werden kann. Daraus ergibt sich eine Selbsteinschätzung, die bedeutet, daß sie aufgrund ihres ‘gesunden Menschenverstandes’ im Grunde genommen wissen, welche Handlungen anderer moniert werden müssen. Wie man sich gegenüber den ‘Störenfrieden’ oder ‘Unruhestiftern’ zu verhalten hat, haben die Sicherheitswachtangehörigen darüber hinaus durch ihre umfangreiche psychologische Ausbildung gelernt - so die Selbstdarstellung der Sicherheitswachtangehörigen. In der Regel betonten die Sicherheitswachtangehörigen die psychologische Ausbildung und beurteilten sie sehr positiv. Zudem ist auffällig, daß bei allen Sicherheitswachtangehörigen ein sehr großes Interesse an einer Weiterbildung und dem Erlernen weiterer, zusätzlicher Sachverhalte und Kenntnisse besteht, was von den Sicherheitswachtangehörigen zum Teil auch als Vorschläge für zukünftige Fortbildungsveranstaltungen eingebracht wurde.

Im allgemeinen ist festzuhalten, daß sich die SIWAs in Interviews und auf Streife kaum auf gelernte Gesetze und Paragraphen bezogen oder auch kaum in der Ausbildung gelerntes Wissen parat hatten. Dabei fanden die meisten die Rechtsausbildung sehr interessant. Ohne die Angabe von Beispielen jedoch war die Rechtskenntnis nach dem Unterricht sehr gering, da viele durch den trockenen, theoretischen Stoff schnell ermüdeten. Manch einer empfand die ‘Rechtskenntnis’, die er durch die Ausbildung erhielt, eher als nicht anwendbaren Ballast. Sobald aber mit Beispielen gearbeitet wurde, hatte man wieder Bezug zum Thema. Durch die eingängigen Erklärungen der Ausbilder konnten viele zum ersten Mal abstrakte Gesetzestexte verstehen. Das Durchsprechen der einzelnen Fälle verbesserte das Einschätzungsvermögen anderer Fälle nachhaltiger, als dies bei einem einfachen Durchlesen der Paragraphen der Fall gewesen wäre.

Zur Bedeutung des Sicherheitswachterprobungsgesetzes für ihre Arbeit als SIWA befragt, äußern sich die SIWAs zum Beispiel folgendermaßen:

S5 (S.17) meint:

I: Mhm. (..) Also war das, es gibt ja zum einen das Gesetz als Grundlage,

B: Ja.

I: ich weiß nicht ob Sie das, haben Sie damit irgendwas zu tun ghabt?

B: Ja, [Atmet tief durch] (lacht), mit dem Gesetz, sagen wir mal so brauchen, hm ich habe gesagt bringen`s m mit [?], die hab ich hab ich hab, sondern ich hab die grobe Ahnung hab ich schon ghabt da hab ich die, da hab ich meistens nachgeschaut wo große Verhandlungen gewesen sind (.) und dann hab ich mir manchmal die Zeit genommen und hab da zugehört. [auffallend hochdeutsch] [17.2]

Ähnlich äußert sich auch S2 (S.4/5):

I: Jetzt, würd mich mal interessieren, die stehen zum einen in dem, in dem Gesetz drin, das habt Ihr ja alle bekommen, hat mir der S3 vorhin gsagt. [3.7]

B: Ja und wie das halt drin steht, das ist also (.) die [?] kann man das nicht ausdrücken.

I: Mhm. (..) Also, da- daß man mit dem Gesetz wenig anfangen kann, oder?

B: Ja, ich hab das, was ich da vorher, das was man vorher eigentlich auch schon ein bißchen gwußt hat, das ist halt jetzt auch wieder ausschlaggebend.

Beide sind sich hier also in dem Punkt einig, daß ihnen das Gesetz höchstens insoweit genutzt hat, als daß sie bereits Gewußtes noch einmal auffrischen konnten.

Die oben dargestellte Position noch verstärkend meint S2 (S.10) weiter:

B: Na, also wir können mit dem Gesetz fast gar nichts so anfangen. (..)

Und kurz darauffolgend:

I: +Das ist schon+, schon klar. (.) Mhm. (..)Weil das ist ja (.) wenn man das Gesetz so liest, dann ist es, läßt es ja auch viel auf, oder ist es unklar und,

B: Total verdreht und so, immer so schwierig geschrieben.

Übereinstimmend für alle SIWAs kann nach einer ersten Sichtung des Materials also gesagt werden, daß dem Gesetz keine unmittelbare Bedeutung für die praktische Arbeit der SIWAs beigemessen wird.

 

Rechtskenntnis und Handlungsorientierung

Eine zentrale Arbeitshypothese war für uns die, daß "das faktische Verhalten der diensttuenden Sicherheitswachtangehörige durch den rechtlichen Rahmen unterdeterminiert ist, daß mithin Verhaltensunsicherheiten (...) zu erwarten sind" (vgl. Projektantrag an die Volkswagen-Stiftung vom Februar 1994). Zum Zeitpunkt der Antragstellung vermuteten wir, daß der rechtliche Rahmen für das Verhalten der Sicherheitswachtangehörigen eine bedeutende Rolle spielt.

Im Lauf der Arbeit im Projekt wurde zum einen deutlich, daß der rechtliche Rahmen nicht gleichzusetzen ist mit dem Sicherheitswachterprobungsgesetz (SEG) - auch andere Gesetze stellten sich als für die Arbeit der SIWAs bedeutend heraus (vgl. Kap. 1)-, zum anderen erhielt die Kenntnis der Gesetze nicht den von uns zunächst vermuteten Stellenwert als zentrale Handlungsorientierung. Die meisten SIWAs kannten die für sie relevanten Gesetzesbestimmungen; in Situationen von Handlungsunsicherheit wäre jedoch kein SIWA auf die Idee gekommen, im Gesetz nachzublättern.

Im Verlauf des Projektes wurde vielmehr deutlich, daß die Konsultation verschiedener Personen zur Herstellung von Handlungssicherheit oder zumindest zur Schaffung von Handlungshilfen in der Praxis gewichtiger einzustufen ist. Zentral sind hier die ‘zuständigen Polizisten’ im allgemeinen und die Inspektionsleiter und Ausbilder im besonderen. Sie stehen als ‘Filter’ und Interpreten zwischen den Gesetzen bzw. Verordnungen einerseits und den Sicherheitswachtangehörigen andererseits und reichern die Inhalte der Gesetze und Verordnungen für die oder bei der Weitergabe an die SIWAs mit eigenen Erfahrungen und Einschätzungen an.

Oftmals gewinnen die praktischen Erfahrungen bzw. die daraus folgenden Handlungsmaximen (besonders in konkreten Fragen des alltäglichen Streifendienstes) eine größere Bedeutung als die Inhalte der offiziellen Leitlinien und Gesetze. Dies wird insbesondere deutlich, wenn man das Verhalten der SIWAs in Situationen betrachtet, in denen sie sich unsicher fühlen und in denen sie deshalb nach Handlungsorientierungen suchen. Wir konnten einige konkrete Faktoren feststellen, die die SIWAs nutzen, um sich ‘richtig’ zu verhalten oder sich zumindest ihres Handelns sicher zu sein.

 

Personen und Gewißheiten als Handlungsorientierung

In Bezug auf alle zuständigen Polizisten ist - zunächst unabhängig von deren Position als Polizeibeamter oder ihrer formalen Stellung zu den SIWAs - anzumerken, daß sie von den SIWAs als ‘Sicherheitsexperten’ betrachtet werden, die ihnen, die sie sich tendenziell als Laien auf diesem Gebiet ansehen, sozusagen ‘um Längen voraus’ sind. Von den Angehörigen beider Gruppen werden die SIWAs in der Hierarchie unter den Polizisten angesiedelt.

SIWAs konsultieren Polizisten, betrachten sie als Experten und erwarten von ihnen kompetenten Rat. Die zuständigen Polizisten sind meist interessiert, den SIWAs ihre eigenen Deutungen nahe zu bringen, und die SIWAs nehmen Ratschläge der Polizisten, die ihnen dann als wesentliche Handlungsorientierung dienen, in der Regel dankbar an. Manche Unsicherheiten entstanden allerdings erst durch dieses Verhalten: wenn die SIWAs versuchten, gegen ihre eigenen Überzeugungen und damit gegen ihre Handlungssicherheiten den Erwartungen der Polizisten gerecht zu werden.

In bezug auf den Grad der Freiwilligkeit, Ratschläge von den Polizisten anzunehmen bzw. - von der anderen Seite her betrachtet - die Bereitschaft der Polizisten, den SIWAs eine gewisse Handlungsfreiheit zu geben, konnten wir in den drei Modellversuchsstädten merkliche Unterschiede feststellen. So beobachteten wir in Nürnberg im Laufe des Modellversuchs eine deutliche Einschränkung der Handlungsfreiheit der SIWAs, wohingegen den SIWAs in Deggendorf mit Fortschreiten des Versuchs eher mehr Handlungsfreiheit zugestanden wurde.

1. Inspektionsleiter

Wie gewannen aufgrund unserer Beobachtungen den Eindruck, daß der jeweilige Inspektionsleiter für die SIWAs eine zentrale Rolle spielt. Er kann diese dazu nutzen, zu deren Orientierung - vor allem in der Anfangsphase - beizutragen. So übernahm er z.B. die Aufgabe, die von ‘oben’ kommenden Anweisungen abzufangen und in moderater Form an die SIWAs weiterzugeben. Er hatte insofern eine Schlüsselposition inne, als daß er zwischen der instruierenden Instanz des Innenministeriums und der ausführenden Gruppe der Sicherheitswachtangehörigen vermittelte. Er gab die sicherheitswachtrelevanten Anweisungen des Innenministeriums also nicht in derselben Form an die SIWAs weiter, da diese damit vermutlich auch schlichtweg überfordert gewesen wären. Vielmehr nutzte er seine Erfahrung als ‘Polizeipraktiker’, um zum einen den Anforderungen des Innenministeriums zu genügen und zum anderen an die SIWAs keine überzogenen oder ihnen unverständlichen Forderungen zu stellen.

Wäre ihm die Erfüllung einer dieser Anforderungen nicht gelungen, so wäre dies u.U. auf ihn selbst zurückgefallen. Das Innenministerium hätte vermutlich schärfere Instruktionen erteilt und deren Einhaltung strenger überwacht. Mancher SIWA hätte eventuell den Dienst gekündigt, was dann in der Folge wiederum zu unangenehmen Nachfragen oder auch zu weiteren Konsequenzen seitens des Ministeriums hätte führen können. Der Inspektionsleiter saß also gewissermaßen ‘zwischen den Stühlen’, während die in der strengen Hierarchie höher angeordneten Polizeidienststellen, wie Polizeidirektion und Polizeipräsidium, die hauptsächliche Aufgabe der Weitergabe von Informationen des Innenministeriums an die Polizeiinspektion und in umgekehrter Richtung von der Polizeiinspektion an das Innenministerium erfüllten.

Im wesentlichen übernahm es der Inspektionsleiter, die SIWAs mit der ‘Realität der Streifentätigkeit’ vertraut zu machen, um keine falschen Vorstellungen oder Hoffnungen entstehen zu lassen. Um den anfänglichen Befürchtungen und den später auftauchenden Frustrationen der SIWAs bezüglich des Verlaufs der Streife entgegenzuwirken, berichtete er den SIWAs oftmals von Befürchtungen und Frustrationen der Polizeibeamten bzw. darüber, daß etwa das Fehlen von ‘Erfolgserlebnissen’ auf Streife garnicht zu Enttäuschungen führen müsse, wenn man sich nur bewußt mache, daß die Streifennormalität darin bestehe, nicht eingreifen zu müssen, nichts melden zu können und von niemandem um Hilfe gebeten zu werden.

So stellte sich ihm vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen im Fußstreifendienst und der Schwierigkeit, die ihm untergeordneten Streifenpolizisten für Fußstreifen zu gewinnen, als wesentliches Problem die Frage nach einer mittel- oder gar langfristigen Motivation der SIWAs für ihren Dienst. Aufgrund dessen und aufgrund seines Bewußtseins der Freiwilligkeit des SIWA-Dienstes versuchte der Inspektionsleiter, den Umgang mit den SIWAs auf eine kollegiale Basis zu stellen, die seiner Meinung nach dem Status des freiwilligen Unterstützers der Polizei adäquat war. So versuchte er auch, den SIWAs Schritt für Schritt mehr Eigenverantwortung z.B. für die Organisation ihrer Streifen zu überlassen.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß der Inspektionsleiter eine Funktion innehatte, die vor allem darin bestand, den SIWAs Handlungsempfehlungen zu geben und ihnen Mut zu machen bzw. Vorkehrungen dafür zu treffen, daß die SIWAs auch in unangenehmen oder für sie schwierigen Situationen (z.B. an einem kalten Regentag) den Dienst nicht quittierten. Für die SIWAs war er sicherlich nicht zuletzt aufgrund dieser Bemühungen eine ‘Respektsperson’. Aber er war dies auch aufgrund seines bedeutenden Wissens- und Erfahrungsvorsprunges, seiner beruflichen Stellung und seiner Weisungsbefugnis gegenüber Polizisten und SIWAs in der PI. Andererseits wurde er auch als Berater bei jeglichen sicherheitswachtspezifischen Problemen und Fragen gesehen. Er hatte das Vertrauen vieler SIWAs und unterstützte diese gelegentlich auch in privaten Angelegenheiten. Durch diese Stellung als Autorität einerseits und als Vertrauensperson andererseits nahm der Inspektionsleiter in dem Netz, das sich die SIWAs aus den verschiedenen Elementen zur Handlungsorientierung knüpften, eine zentrale Position ein.

2. Dienstgruppenleiter

Die Dienstgruppenleiter sind diejenigen Polizeibeamten, von denen bei Dienstantritt und -ende der SIWAs immer mindestens einer in der PI anwesend ist. Sie gaben den SIWAs Instruktionen mit auf den Weg und standen auf Streife mit ihnen in Funkkontakt. Die Dienstgruppenleiter waren zum einen bei akuten Problemen, die bei Streifenantritt oder Streifenende eintraten, und zum anderen bei Bedarf an Informationen, die per Funk eingeholt werden mußten, Ansprechpartner.

Üblicherweise wurde - falls möglich - bei persönlicher Konsultation in der PI der als Ausbilder tätige Dienstgruppenleiter um Rat gefragt. Es liegt also nahe zu folgern, daß die Ausbilder von den SIWAs als in sicherheitswachtspezifischen Fragestellungen besonders kompetent und auch zuständig betrachtet wurden, und/oder daß durch den persönlichen Kontakt während der Ausbildung ein besonderes Vertrauensverhältnis entstanden war.

3. Ausbildung und Ausbilder

Die Ausbildung als Handlungshilfe wurde von vielen SIWAs in bezug darauf thematisiert, daß abstrakt erscheinende Texte oder Fälle in der Ausbildung anhand von Beispielen erklärt wurden. Innerhalb der Ausbildung waren die Ausbilder folglich als Interpreten gefragt, die das Abstraktionsniveau senkten und so zu einem besseren Verständnis des Lernstoffes beitrugen.

S2c (Interview S.10):

B: Na, also wir können mit dem Gesetz fast gar nichts so anfangen. (..)

I: Und wie wie ist`s dann in der Ausbildung, daß es dann +gut verständlich+ wird?

B: +Die haben uns das+ die haben uns das halt dann anhand von Beispielen das so erklärt.

Weitere Gestaltungskompetenz wurde von den Ausbildern bezüglich der Konzeption der Ausbildung gefordert. Von seiten des Innenministeriums gab es zwar einen grob vorgegebenen Rahmen für die Ausbildung der SIWAs. Die Bestimmung der ‘Füllmasse’ für diesen Rahmen war jedoch den ausbildenden Polizeibeamten überlassen. Die Rolle der Ausbildung ist folglich nicht unabhängig von den Ausbildern zu betrachten, da die Inhalte durch sie vermittelt und dadurch auch von ihnen mitgestaltet wurden. Innerhalb der Ausbildung wurde die Rolle der Ausbilder von S3c (Interview S.2) folgendermaßen beschrieben:

I: Wobei das ja gar nicht so einfach ist. Das auf ne: sinnvolle Ebene zu bringen, weil das ja wirklich, wenn man das Gesetz liest, das habt ihr ja auch bekommen.

B: Ja, genau. Aber die haben`s zu uns rübergebracht, so daß wir das geschnallt haben.

I: Echt?

B: Ja also, ich find, ich hab das echt toll gfunden, weil beide, also die drei Ausbilder, was wir ghabt haben, wirklich das uns so beigebracht haben, daß wir das verstehen. Also nicht so hochgestochen wenn, das wär ein Schmarren gewesen, wenn einer da vorne gesessen wär, und der hätt und das, theoretisch alles, vorglesen. Und aa, mit den Fremdwörtern und alles, und, das war`s dann wie? (.) Und wir hätten das dann irgendwann durchlesen dürfen und so, und so haben sie`s uns eigentlich toll, toll erklärt, ne.

Auch S5c (S.9) zollt den Ausbildern großes Lob:

B: Naa, die haben das nicht so theoretisch lapidar runtergeleiert, ich muß es auf gut Bayerisch sagen,

I: Mhm.

B: Na, die haben das schon, die haben das für no- für normal, für jeden, die wir drin dringsteckt haben, das gut rüber gebracht.

Als Fazit dieser Äußerungen kann man festhalten, daß für die SIWAs in bezug auf die Vorbeugung gegen mögliche Verhaltensunsicherheiten die adäquate Vermittlung der Ausbildungsinhalte von zentraler Bedeutung war. Das heißt umgekehrt, daß die SIWAs mit den Inhalten der Ausbildung wenig hätten anfangen können, wenn sie ihnen nur in schriftlicher Form vorgelegen hätten. Erst die Vermittlung, Umformulierung und Gewichtung durch die Ausbilder machte ihnen die Inhalte der Ausbildung zugänglich.

Der Stellenwert der Ausbilder als Handlungsorientierung für die SIWAs war also bestimmt durch ihre Funktion als Interpreten ‘indirekter’ Handlungsorientierungen wie z.B. der Gesetze. Sie boten eigene Deutungen und Auslegungen etwa der Rechtsnormen an, die sowohl während als auch nach der Ausbildung eine herausragende Bedeutung für die Sicherheitswachtangehörigen hatten.

In der Ausbildung - die wir leider nur bruchstückhaft begleiten konnten - waren die zukünftigen SIWAs vollkommen auf die Informationen der Ausbilder angewiesen, sie hatten keinerlei alternative Ansprechpartner, und die SIWAs konnten das für sie relevante Wissen nur durch sie in Erfahrung bringen. Dabei erschienen den SIWAs zum Zeitpunkt der Ausbildung vor allem Fragen relevant, die sich mit dem konkreten Verhalten auf Streife befaßten. Aus Ingolstadt und Nürnberg wurde diesbezüglich - wohl aufgrund der größeren Teilnehmerzahl - eine gewisse Unzufriedenheit bekannt , die sich auf die für ausführlich zu besprechende Fragen zu kurze Ausbildungszeit bezog (1). Die Grundstruktur der für die SIWAs relevanten Fragen war: "Was mache ich, wenn ...?" und "Darf ich...., wenn...?"

Die Antworten der Ausbilder waren zumeist dadurch gekennzeichnet, daß sie versuchten, einen zu großen Enthusiasmus und die ihrer Ansicht nach oft zu große Aktivität der SIWAs zu bremsen und sie darauf hinzuweisen, daß sie es im Zweifelsfall immer vorziehen sollten, zu beobachten und zu melden, als selbst einzugreifen und dabei u.U. die Eigensicherung zu vernachlässigen (2). Aus oben genanntem Frageinteresse heraus sprachen sich die SIWAs auch für eine Ausbildung aus, die verstärkt mit Fällen arbeitet, die vom Ausbilder vorgestellt werden und die die SIWAs bezüglich des vorliegenden rechtlichen Sachverhalts und der zu ergreifenden Maßnahmen einschätzen sollen.

Die in der Ausbildung entstandene Beziehung zwischen Ausbildern und SIWAs hatte über die Ausbildungsdauer hinaus Bestand. Die SIWAs erzählten oft, daß sie bei Fragen vorrangig die Ausbilder konsultierten, was sich durch unsere Beobachtungen stützen läßt. So scheint es, daß die SIWAs den Ausbildern bei der Auskunftserteilung die größte Kompetenz zumessen - was sich im übrigen auch in der Quantität der Konsultationen ausdrückt.

Die zentrale Rolle der Ausbilder bzw. der Ansprechpartner in der PI wurde in einem Interview besonders deutlich. Auf die Frage nach der Rolle der Unterlagen als Handlungsorientierung bejaht ein SIWA deren Bedeutung, erzählt dann jedoch eine Geschichte, die sich nicht mit diesen Unterlagen befaßt, sondern auf einen Vorfall eingeht, in dem er einen Ausbilder um Hilfestellung für das ‘richtige’ Handeln gebeten hatte. Dieses Verhalten stützt unsere These von der stärkeren Handlungsorientierung an Personen anstatt an Unterlagen und Gesetzestexten.

4. Fortbildung und Betreuer

Der Hauptgrund für die besondere Relevanz der Ausbilder spiegelt sich auch in der großen Bedeutung der Fortbildung wieder, denn auch hier war für die SIWAs zentral, daß die anwesenden Polizisten ihnen Interpretationen von Normen anboten und zu konkretem Verhalten Stellung bezogen.

In Nürnberg hatten die SIWAs auf den vierwöchig stattfindenden Fortbildungsveranstaltungen Gelegenheit zur Diskussion ihrer Anliegen. Von den Polizisten wurden die Fortbildungen dazu genutzt, den SIWAs, die bereits in der Ausbildung dargelegten, von ihnen erwünschten Verhaltensweisen nochmals in Erinnerung zu rufen. Der Unterschied zur Ausbildungssituation bestand darin, daß die Ausbilder in der Fortbildung auf eigene Erfahrungen der SIWAs zurückgreifen konnten. Dementsprechend stand hier die Besprechung von Vorfällen aus der Streifenpraxis im Vordergrund. Die Polizisten waren dabei jeweils bestrebt, sowohl die ‘kritischen’ als auch die’positiv’ verlaufenen Vorfälle im Sinne der in der Ausbildung vermittelten Wissensbestände zu diskutieren.

Doch auch die SIWAs vertraten innerhalb dieses Forums ihren Standpunkt, wodurch es auch zu ersten Konflikten zwischen SIWAs und Polizisten kam, deren Gegenstand das ‘richtige Verhalten’ der SIWAs auf Streife war. Hier zeigten sich unterschiedliche Auffassungen zur Eigensicherung, zur Ausrüstung und zur Ausbildung. So stand beispielsweise zur Debatte, ob durch Selbstverteidigungskurse eine Verbesserung der Eigensicherung erreicht werden könne. Von den SIWAs wurde dies im Gegensatz zu den anwesenden Polizisten befürwortet. Auch wurde kontrovers über eine Erweiterung der Ausrüstung mit Handschellen u.ä. diskutiert.

Im allgemeinen konnten wir in Nürnberg beobachten, daß Handlungsorientierungen nicht immer dem Prinzip der Freiwilligkeit unterlagen. In dieser Stadt wurden ‘Tips’ der Betreuer von den SIWAs nicht immer als erwünschte Handlungsratschläge, sondern eher als Handlungsanweisungen wahrgenommen. Aus Sicht der SIWAs handelte es sich also um Verhaltensauflagen, die ihnen von den Polizisten vor Ort in den Fortbildungen vermittelt wurden. Durch diese Auflagen versuchten die örtlichen Polizeidienststellen, alles zu unterbinden, was zum einen in der Öffentlichkeit den Eindruck hinterlassen könnte, bei den SIWAs handelte es sich de facto um Blockwarte oder Hilfspolizisten, und was zum anderen dazu beitragen könnte, mögliche Konflikte zwischen Bürgern und SIWAs zu schüren. Es wurde hier also immer wieder deutlich, welche zentrale Rolle der polizeiliche Erfahrungshintergrund als Rahmen für die konkrete Ausgestaltung der SIWA-Tätigkeit spielt.

Dennoch muß auf seiten der SIWAs gegenüber den Polizisten eine gewisse Akzeptanz vorhanden gewesen sein, die es den Polizisten ermöglichte, ihre Vorstellungen zur SIWA-Tätigkeit durchzusetzen. Tatsächlich betrachteten die SIWAs - so die Erkenntnisse aus den Materialien - die Polizisten als Experten. Experten waren sie aus Sicht der SIWAs zum einen aufgrund ihrer Rechtskenntnis und des daraus resultierenden Handlungswissens und zum anderen aufgrund ihrer Erfahrung im Streifendienst. Die SIWAs ordneten sich im Endeffekt - vielleicht gerade weil sie die Polizisten als Experten betrachteten - den Polizisten freiwillig unter, indem sie die Ausbilder und den Dienststellenleiter als ihre ‘Chefs’ ansahen, die in eventuellen Konfliktfällen das ‘Sagen’ hatten. Dies dokumentiert sich z.B. darin, daß der Ausbildungsbestandteil ‘psychologische Schulung’ von allen SIWAs in den Interviews besonders betont wurde, die SIWAs mehr aus diesem Bereich zu erfahren wünschten und der Psychologie für die Bewältigung ihres Streifendienstes eine bedeutende Rolle zuschrieben.

Eine ähnlich große Anerkennung erfuhren die Betreuer für ihre Rechtskenntnis. Rechtswissen wurde von den SIWAs als wichtig angesehen, allerdings nicht in der Art, daß die SIWAs selber umfangreiche Kenntnisse in diesem Bereich für ihren Dienst als notwendig erachteten. Vielmehr drückten sie ihre Anerkennung für das Rechtswissen der Polizisten aus, indem sie diese als Quelle für ‘Hintergrundwissen’ für ihren Dienst betrachteten und immer wieder bei unklaren Situationen die rechtlichen Bezüge erfragten. Wesentlich für diese Fragen war das Erkennen der vorliegenden Situation und das Schlußfolgern auf angemessenes Verhalten. Die Polizisten erläuterten die Zusammenhänge dann auch entsprechend der Fragerichtung, indem sie die SIWAs situationsbezogen über adäquates Verhalten aufklärten. Durch diese Wissensvermittlung bei gleichzeitiger Akzeptanz des Expertenstatus konnten die Polizisten den SIWAs die Sicherheit vermitteln, mit ihren Problemen nicht allein gelassen zu sein.

In Ingolstadt war die Fortbildungsveranstaltung dadurch geprägt, daß der Betreuer und Einsatzplaner der Sicherheitswacht die Streifenberichte, die nach jedem Gang verfaßt wurden, auswertete und man die Vorkommnisse und die jeweiligen Reaktionen der Angehörigen der Sicherheitswacht dann in der Fortbildung besprach. Dazu bewertete der Betreuer das Verhalten der jeweiligen Person und wies auf erwünschte Verhaltensänderungen hin. Das folgende exemplarisch ausgewählte Beobachtungsprotokoll veranschaulicht diesen Ablauf:

"Der Betreuer beginnt mit dem regulären Erfahrungsaustausch. Zuerst bemerkt er, daß die Streifenberichte stets zur Zufriedenheit ausgefüllt worden seien und es keine Mängel gegeben habe - auf die Einzelheiten gehe er des weiteren noch ein. In einem Bericht stünde, daß Garagenwände beschmiert worden wären. In solchen Fällen sollten die Angehörigen der Sicherheitswacht feststellen, ob es frische oder alte Schmierereien seien. Im ersten Fall müßte der Dienstgruppenleiter verständigt werden, insbesondere, bei Parolen der radikalen Linken, von Nazis oder der KP. Dann wird ein bestimmter SIWA angesprochen: Wenn rote Überführungskennzeichen in einem parkenden Auto innen statt außen festgemacht seien, so sei das keine Ordnungswidrigkeit. Der SIWA entgegnet, daß es ihm darum gegangen sei, daß statt zwei Kennzeichen nur eines dagewesen sei. Der Betreuer wendet ein, daß das Fahrzeug gestanden sei und deshalb trotzdem keine Ordnungswidrigkeit vorläge. Dann wendet er sich zwei anderen SIWAs zu. Eine der SIWAs reagiert mit einem "Oh je!", scheinbar erwartet sie sich eine Kritik ihres Verhaltens auf Streife. Doch sie bekommen beide ein Lob: Das Aufnehmen des Kennzeichens des Motorradfahrers, der auf dem Gehsteig gefahren sei, in den Streifenbericht, sei in Ordnung und richtig gewesen. Der Betreuer wechselt zu einem allgemeineren Thema: Falls ein Angehöriger der Sicherheitswacht einmal feststelle, daß eine Straßenlampe ausgefallen sei, so reiche es nicht, wenn er es nur in den Streifenbericht aufnehme. In solchen Fällen sei der Bereitschaftsdienst der Stadt Ingolstadt anzurufen, Telefonnummer stünde im Telefonbuch. Dann kommt der Betreuer zum Thema "Anleinen von Hunden". Er sagt zu einem der SIWAs, daß er Hundehalter nur darauf hinweisen dürfe, ihre Hunde an die Leine zu nehmen, ansonsten aber nichts machen könne."

Die Fortbildungsveranstaltung in Deggendorf fand einmal monatlich anfangs in einem Café, später dann im Aufenthaltsraum der PI statt. Unserer Wahrnehmung zufolge waren diese ‘Treffen’, wie sie von den Beteiligten genannt wurden, für die SIWAs aus verschiedenen Gründen von besonderer Wichtigkeit. Zum einen konnten sie hier Fragen an die Polizeibeamten (meist waren Inspektionsleiter und stellvertretender Inspektionsleiter anwesend) stellen, und sie wurden aufgefordert, den Polizeibeamten Besonderheiten mitzuteilen. Zum anderen konnten sie sich untereinander austauschen, sie waren (zumindest anfangs) eine Gemeinschaft mit gemeinsamen Problemen und Zielen, was dem einzelnen SIWA Sicherheit gab.

Besondere Bedeutung innerhalb der Fortbildung hatte der Austausch mit den ‘Kollegen’. So wurden manche Vorfälle oder Schwierigkeiten lediglich vor Erscheinen der Polizeibeamten im Gespräch mit ausgewählten SIWAs thematisiert. Auf Nachfragen der Polizisten hin wurden sie hingegen nicht erwähnt. Auch in den Interviews hoben die SIWAs die Rolle der ‘Treffen’ hervor. So äußert sich S6c (Interview S.6) zum ‘Treffen’ als ‘Austauschplattform’ folgendermaßen:

I: Wissen Sie auch nicht von andern, daß das irgendwie mal, vorkam.

B: (.) [überlegt] Der Herr S1c sagte mal, ganz zu Anfang, wär er mal gefragt worden. Aber sonst wüßt ich das auch nicht. Wir haben ja heute Abend unser Treffen, und da wird vielleicht dann doch einiges rauskommen.

Unserer Wahrnehmung nach nahm die Bedeutung der Fortbildung für die Schaffung oder die Erhaltung von Verhaltenssicherheit ständig ab. Dies mag an der zunehmenden Erfahrung liegen, die die SIWAs sammelten. Wahrscheinlich wurde aber die offizielle Schiene des Austauschens von Informationen allmählich auch ersetzt durch einen inoffiziellen Austausch zwischen einzelnen Personen. Dies führte dazu, daß immer weniger Bedarf bestand, Dinge im Plenum aller SIWAs und einiger Polizeibeamter zu besprechen, während eben verstärkt das lockere Gespräch mit den anderen im Café oder Restaurant gesucht wurde.

5. Funkruf

Das Funkgerät bzw. die Funkverbindung zur PI spielte u.E. neben den personengebundenen Handlungsorientierungen die zentrale Rolle für die Herstellung von Handlungssicherheit. Ein zentraler Grund hierfür kann darin liegen, daß dieses Funkgerät auf Streife die einzige Verbindung zu den Personen ist, von denen die SIWAs im Notfall Hilfe erwarten. Es war auf Streife das zentrale Medium zur Herstellung des Kontaktes zu den weisungsbefugten und bezüglich Wissen und Erfahrung weit überlegen erscheinenden Polizisten in der Polizeiinspektion. S6c (Interview S.22) macht die herausragende Bedeutung der Funkverbindung deutlich:

B: +Immer, ja, richtig.+ Ja. Mhm. Gut, es hat ja geheißen, man soll es nicht ausnützen. Also ich, ich sprech, ich mach nur ne Meldung, wo ich bin, und daß ich weiß, das Ding geht, und ansonsten meld ich mich nicht. Halt wenn wirklich was ist und man kommt nicht durch, das soll ja nun weiß Gott nicht für`n Privatgespräche oder, oder was weiß ich, benutzt werden, nicht.

I: Mhm. Mhm.

B: Sondern nur, wenn wirklich was ist. (.) Und das, ich sag ja, das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, und das ist auch ganz gut so. +Mehr noch wie Tränengas+

Der Nutzen des Funkgerätes besteht also nicht in seiner (ständigen) Benutzung, denn die SIWAs machten kaum Gebrauch von ihm. Sie vermieden es vielmehr tunlichst, die Polizei mit ‘unwichtigen Dingen’ zu belasten - schließlich wußten sie um das Vorurteil der Mehrbelastung der Polizei durch die SIWAs -, und ‘wichtige Dinge’, also wirkliche Vorfälle, gab es so gut wie keine.

Es ist also festzustellen, daß die ‘Waffe’ der SIWAs - viel mehr als in der tatsächlichen Benutzung des Funkgerätes - in der Gewißheit besteht, jederzeit eine Funkverbindung mit der Polizei herstellen zu können. Dem Funkgerät wird so bereits ohne seine Betätigung eine große Wirkung zuteil, da es sowohl für die SIWAs als auch für die Bevölkerung als Symbol für die Verbindung zur Polizei steht. Für die Bevölkerung ist das Funkgerät gleichzeitig ein Zeichen für Macht und für Hilfe, für den potentiell kriminellen Bürger wirkt es eventuell abschreckend und für die SIWAs selbst hat es die Wirkung einer Waffe, die Sicherheit durch die Möglichkeit ihres Einsatzes vermittelt. Diese Möglichkeit und ihre Präsentation durch das Funkgerät hebt die SIWAs vom ‘Normalbürger’ ab und vermittelt ihnen dadurch ein Gefühl der Stärke, das das gesamte Auftreten der SIWAs stärkt - da sie das Gefühl haben, schlußendlich nie ‘alleine’ da zu stehen (3).

6. Erfahrung

Ein weiterer Faktor, der die Handlungssicherheit der SIWAs erhöhte, war die zunehmende Erfahrung in der Praxis des Streifendienstes. Eine gewisse Routine gab den SIWAs Sicherheit, denn auch wenn nichts ‘passierte’, gewannen sie das Gefühl, mit der Streifenrealität zurecht zu kommen. Selbst wenn die SIWAs also keinerlei zusätzliche Handlungskompetenz für schwierige Situationen erworben hatten, gab ihnen das regelmäßige Streife gehen bzw. das (vermeintlich) erworbene Erfahrungswissen mehr Sicherheit. S6c (S.12) formulierte diesen Faktor im zweiten Monat der Modellversuchspraxis noch als Hoffnung:

B: Und bin auch immer wieder froh, wenn ich hier bin, und es ist alles ok. Ich mein, das muß ich auch schon sagen. Kann ja mal, man sagt zwar immer, kann ja ich nicht sagen ‘ich nicht’, aber es kann halt doch immer [?] vorkommen, natürlich, ne. (.) Vielleicht wird man nachher auch ein bißchen lässiger, wenn man nachher, +längere Zeit gelaufen ist+

Dieses Statement wird auch durch die Beobachtung einer relativ hohen Handlungssicherheit ehemaliger Soldaten oder Werkschützer gestützt. Diese führen wir darauf zurück., daß sie im Gegensatz zu anderen SIWAs bereits Erfahrung mit Fußstreifen gemacht hatten.

7. ‘Gesunder Menschenverstand’

Einige SIWAs sahen ihren ‘gesunden Menschenverstand’ als Handlungsorientierung. Sie handelten folglich so - oder gaben vor, so zu handeln -, wie sie es als ‘Normalmensch’ (also nicht im Amt des Sicherheitswachtangehörigen) auch getan hätten. Diese Einstellung gab ihnen eine erstaunlich große Selbstsicherheit, die deutlich größer war als die derjenigen SIWAs, die sich vorrangig nach ‘äußeren’ Handlungsorientierungen richteten. Dabei herrschte die Vorstellung - oder die Hoffnung - vor, man besäße die Fähigkeit zur ‘richtigen’ Einschätzung von Situationen ‘intuitiv’, sie wäre einem in gewisser Weise ‘angeboren’. Dieser Vorstellung lag wohl die Auffassung zugrunde, daß es eine objektive, prinzipiell für alle einsehbare Handlungsorientierung gäbe, also ein allgemeinverbindliches Normen- und Wertesystem, das nicht konstruiert sei, sondern ‘natürlich’ dem gesunden Menschen innewohne. S5c machte diese Auffassung deutlich (Interview S.7):

I: Mhm. Genau. Aber, das ist ja sehr schwierig denk ich mir, aa jetzt zu entscheiden, wo, greift man ein, wo tut man was.

B: Ja, warum, das ist doch nicht schwierig.

I: Nee?

B: [?] jeder normale Bürger ist, kann ich doch sagen das macht doch jeder normale Mensch, weil so deshalb brauch er nicht in die Bürger-, chrrr, in die Sicherheitswacht, deswegen brauch ich nicht in die Sicherheitswacht. Zum Beispiel wenn ich da privat raufgekommen wär, angenommen, da hätt ich auch gsagt: ‘Was, tust [?] da.

Die im vorigen Kapitel angesprochene Streifenerfahrung mußten diese SIWAs gar nicht in dem Ausmaß sammeln, wie dies andere für sich als notwendig betrachteten. Sie hatten vielmehr lange bevor sie als SIWA tätig wurden - bereits in ihrem Alltag oder in ihrer Phantasie - ein umfassendes Instrumentarium entwickelt, das sie nun als Handlungsorientierung für ihre Arbeit als SIWA nutzten. Da sie die für sie ‘normalen’ Verhaltensweisen als ohne Einschränkung auf die Arbeit als SIWA übertragbar betrachteten, war ihre Handlungssicherheit auf Streife überdurchschnittlich groß.

8. Kollegen- und Gruppenmeinung

Wie oben bereits angesprochen, waren nicht nur Inspektionsleiter, Ausbilder, Dienstgruppenleiter und Betreuer wichtige Personen für die Handlungsorientierung der SIWAs. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten auch die eigenen Kollegen bzw. eine immer wieder hergestellte Gruppenmeinung. Gelegenheit hierfür gab es bereits während der Ausbildung und dem oftmals daran anschließenden ‘gemütlichen Beisammensein’, aber auch später während der Fortbildung und bei ebenfalls im Anschluß daran stattfindenden Zusammenkünften in Cafés oder Restaurants, bei Ausflügen, Festen und bei zufälligem Aufeinandertreffen von zwei und mehr SIWAs außerhalb der SIWA-Aktivitäten. Kam es also in solchen Zusammenhängen zu Gesprächen über das ‘richtige’ Verhalten auf Streife, so wurde der Gruppenkonsens oftmals von solchen Angehörigen der Sicherheitswacht bestimmt, die in ihrem Beruf mit Menschen umgehen mußten und/oder im weitesten Sinne im Sicherheitssektor tätig waren. Auch fühlten sich manche der ‘Erfahrenen’ verpflichtet, Orientierungshilfen zu geben. In einer Stadt sah sich eine Person gar als ‘Streifenführer’, der u.a. aufgrund seiner Berufserfahrung Verantwortung für die Gruppe übernehmen wollte.

Beispielhaft für die Beeinflussung von SIWAs durch Kollegen ist der folgende Gesprächsausschnitt, der aus der Diskussion zwischen zwei SIWAs (einer Frau F und einem Mann M) nach einer Ausbildungsveranstaltung stammt (4):

M: Also, festhalten, das würd ich sowieso jemanden, wenn ich seh, der tut was.

F: Aber das sollen wir ja gar nicht machen.

M: Da brauch ich doch nicht bei der Sicherheitswacht sein. Das mach ich ja auch privat.

F: Ja, Du kannst das machen. Du bist groß. Aber ich, was soll ich denn machen? Ich kann den doch nicht festhalten.

M: Dann sagst du halt einem Mann, der da steht, daß er ihn festhalten soll.

F: Ja.

Hier bestand anfangs eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob die Maßnahme ‘Festhalten’ zum Verhaltensrepertoire der Sicherheitswachtangehörigen gehört oder nicht. Der Mann sagte, er würde festhalten, worauf die Frau mit einer polizeilich vermittelten Handlungsorientierung widersprach. Der Mann hielt an seiner Auffassung vom ‘richtigen’ Verhalten fest, begründete diese jedoch nicht mit gesetzlichen oder polizeilich vermittelten Orientierungen, sondern wandte sein Privatverhalten auf den möglichen Vorfall auf Streife an. Daraufhin wandte sich auch die Frau ihren ‘privaten Orientierungshilfen’ zu: Privat würde sie nicht eingreifen, weil sie sich körperlich für zu schwach hielt, um jemanden festzuhalten. So gesehen ging das Gebot der Polizeibeamten ‘Sie sollen nicht festhalten’ mit ihrer eigenen Feststellung ‘Ich kann und möchte niemanden festhalten’ konform, während sich beim Mann ein Widerspruch zwischen privatem und polizeilich gefordertem Verhalten auftat. Doch obwohl die Meinung der Frau den Erwartungen der Ausbilder in diesem Sinne entsprach, fragte sie ihren Kollegen, wie sie seinen Erwartungen bezüglich seines Gebotes ‘Ich muß festhalten’ entsprechen könne. Nachdem er auf das von ihr erwähnte polizeiliche Gebot nicht eingegangen war, und er sie - zumindest in diesem Moment - wohl davon überzeugt hatte, daß auch sie festhalten müsse, gab er ihr einen Rat, wie sie ihr - sich jetzt ergebendes - Dilemma lösen könne: Sie solle sich zum Festhalten Hilfe holen. Die Frau akzeptierte diesen Rat, und so stellte ihr Kollege in diesem Fall eine Orientierungshilfe dar. Dies wurde hier umso deutlicher, als daß sie sich von seinen - der polizeilichen Anweisung entgegenstehenden - Verhaltensnormen überzeugen ließ. Hier dominierte also die Handlungsorientierung an einem Kollegen sogar über die Handlungsorientierung an einer polizeilich vermittelten Verhaltensnorm (5).

(1) So äußerte sich ein Ausbilder etwa derart, daß er für eine umfassende und fundierte Ausbildung die doppelte Ausbildungsdauer benötigen würde.

(2) Diese Korrektur der anfänglichen Erwartungen und Handlungsvorstellungen der SIWAs führte zumindest bei einigen von ihnen zu Verunsicherung, die jedoch im weiteren Verlauf der Ausbildung durch neue Orientierungen, die eher den Vorstellungen der Ausbilder entsprachen, wieder abgebaut wurde.

(3) Die eingeschränkte Funktionsfähigkeit der teilweise recht alten Funkgeräte hat allerdings bei manchen SIWAs zu einer starken Verunsicherung geführt - was aber letztendlich auch für die große Bedeutung dieses Geräts spricht.

(4) Da ein Mitschnitt dieses Gespräches nicht möglich war, ist sein Wortlaut annäherungsweise in direkter Rede wiedergegeben.

(5) Was wir hier natürlich nicht ausschließen können ist, daß die Frau lediglich diskursiv ihre Zustimmung bekundet, aber wenn der Fall eintritt, dennoch niemanden festhalten würde.