Ronald Hitzler, Angela Behring, Alexandra Göschl, Sylvia Lustig, Alexander Milanés:
Abschlußbericht zum Forschungsprojekt ... bei drei Modellversuchen der bayerischen Sicherheitswacht

Anfang

Einleitung
Recht
Aufbau
Aufgaben
Spielräume
Sicherheitswacht
Bewerbung
Ausbildung
Streifenalltag
Kennzeichnung
Einbindung
Erwartung
Das Projekt
Die SIWAs
Orientierung
Idealtypenbildung
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Vortragsverzeichnis

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Streifenalltag und Fortbildung

In der ersten, sechs Monate dauernden Phase, von der sich die zuständigen Stellen nach eigenem Bekunden entscheidende Hinweise für eine breitere, mehr oder weniger ‘flächendeckende’ Erprobung erhofften, kamen schließlich in Nürnberg 17, in Ingolstadt 12 und in Deggendorf sieben Personen zum Einsatz.

Dabei waren die Angehörigen der Sicherheitswacht jeweils zu Fuß ca. 15 Stunden im Monat in jeweils dreistündigen Schichten auf Streife. Je nach Tageszeit und Örtlichkeit liefen sie Einzel- oder Doppelstreife. Ihr Einsatz erfolgte zwischen 7.00 und 24.00 nach einem von der zuständigen PI koordinierten Einsatzplan, der mit ihnen abgesprochen wurde.

Für ihren Streifendienst erhielten die SIWAs eine Aufwandsentschädigung von 12,- DM pro Stunde. Diese Entschädigung für alle möglichen auftretenden Kosten (z.B. Ausgaben für Kleidung und deren Reinigung) wurde auch während der 40-stündigen Ausbildung und für die monatlichen Fortbildungsveranstaltungen gezahlt. Grundgedanke bei der Zahlung einer Aufwandsentschädigung ist dabei, daß es kaum Interessierte geben dürfte, die so engagiert und voller Idealismus sind, daß sie den Dienst rein ehrenamtlich und ohne Entgelt verrichten würden - abgesehen vielleicht von ‘Wichtigtuern’. Andererseits würde ein höherer Betrag dazu führen, daß sich Personen nur des Geldes wegen bewerben. Außerdem wollte man Mißfallen bei den Polizeibeamten, deren Überstunden schlecht vergütet werden, vermeiden. Vermieden werden sollte auch der Eindruck, man installiere eine Billigpolizei, was von oppositioneller Seite vermutlich als Armutszeugnis für die bayerische Innen- und Polizeipersonalpolitik gewertet worden wäre.

Der stets sich wiederholende Ablauf eines Streifendienstes stellte sich von unserem Blickwinkel aus folgendermaßen dar: Bei Dienstbeginn meldete sich der Angehörige der Sicherheitswacht in der Einsatzzentrale der jeweiligen Polizeiinspektion und holte sich dort seine Ausrüstung. Dort lag auch ein Ordner, in dem für die Streifentätigkeit möglicherweise bedeutsame Informationen über die Sicherheitslage des Einsatzgebietes sowie aktuelle Dienstpläne abgelegt wurden; hier sollte man sich vor Beginn der Streife informieren. Dann trat der SIWA aus dem Polizeigebäude und meldete sich per Funk in der Einsatzzentrale an, auch um die Funktionsfähigkeit des Funkgerätes sicherzustellen. Der Streifendienst begann, wobei ein relativ langsames Tempo vorgegeben war, um möglichst viel Präsenz zu zeigen, um möglichst viel sehen zu können und um möglichst gut ansprechbar zu sein. Auf wen oder was dabei zu achten war, wird weiter unten exemplarisch anhand der Streifeneinteilung für Ingolstadt dargestellt. Neben der Überwachung krimineller Brennpunkte sollte auch der Kontakt zum Bürger nicht zu kurz kommen - und sei es ‘nur’, eine ältere Dame über die Straße zu geleiten oder Touristen zu helfen, ihren Weg zu finden.Des weiteren wurde anfangs empfohlen, sich im Verlauf der Streife per Funk eventuell noch zur Durchgabe des Standorts zu melden, was unseres Wissens jedoch höchstens dann gemacht wurde, wenn eine Verunsicherung (etwa das Gefühl verfolgt zu werden) wahrgenommen wurde.

Am Ende des Streifendienstes ging der Angehörige der Sicherheitswacht wieder in die PI zurück, um seine Ausrüstungsgegenstände abzugeben, um eventuell Informationen auch mündlich weiterzugeben, und um schließlich das Formblatt ‘Einsatzbericht’ auszufüllen, wo vermerkt wurde, ob sich Vorkommnisse ergeben hatten. Auf einem Beiblatt wurden relevant erscheinende Vorfälle genauer erläutert. Diese Streifenberichte wurden in der Einsatzzentrale in einem speziellen Fach für den Betreuer gesammelt, der diese dann auf relevante Vorkommnisse und adäquates Verhalten der SIWAs hin durchsehen sollte. Über den Einsatz wurde ein Dienstnachweis geführt, wo pro Monat vermerkt wurde, wer wann, wie lange und wo Streife gegangen war. Dieser diente zum einen statistischen Zwecken, zum anderen banalerweise zur Abrechnung.

In Nürnberg erfolgten die dreistündigen Einsätze in einem Zeitrahmen von zunächst 7.00 Uhr bis 1.00 Uhr. Diese Zeiten wurden im Laufe des Versuchs dahingehend verändert, daß die Angehörigen der Sicherheitswacht vormittags eine freie Zeiteinteilung hatten und das Dienstende nicht später als 24.00 Uhr sein sollte. Hier wurde den Wünschen der SIWAs Rechnung getragen, die durch selbstgewählte Dienstzeiten zur ‘rush hour’ mehr Resonanz durch die Bürger erhofften. Mit Einbruch der Dunkelheit mußte zur Eigensicherung Doppelstreife gegangen werden. Auch zu anderen Zeiten konnte Doppelstreife gelaufen werden, Einzelstreife war hier jedoch die Regel. Die SIWAs hatten in Nürnberg recht freie Hand bei der Diensteinteilung: Der Dienstplan wurde in der Regel eine Woche vorher erstellt, indem man im Geschäftszimmer, oder, sofern dies nicht mehr besetzt war, beim Dienstgruppenleiter seine Wünsche Streifenbezirke und Dienstzeiten betreffend eintragen lassen konnte. Doppelstreifenpartner konnte man sich selbst aussuchen.

Die Nürnberger Einsatzörtlichkeiten lagen vor allem in Grünanlagen, auf öffentlichen Plätzen und in Bereichen des öffentlichen Nahverkehrs; hier sollten die SIWAs vor allem in der Umgebung von und in U-Bahnhöfen Streife laufen. Sonstige Schwerpunkte waren Asylbewerberunterkünfte, Schulen sowie ein Klinikum. Im Verlauf des Modellversuchs wurden im Sommer die Örtlichkeiten durch eine zusätzliche Schwerpunktsetzung auf Freibäder erweitert. Nach Verlängerung der Erprobungsphase folgten ab Dezember 1994 neue Einsatzörtlichkeiten und neue Schwerpunkte: So sollte im Dezember 1994 auf dem ‘Christkindlesmarkt’ auf mögliche Taschendiebstähle geachtet werden. Zur Vermeidung von illegalen Schutt- und Schrottablagerungen wurden bisweilen sogar Schrottplätze begangen.

In Ingolstadt erfolgte der Einsatz stets zwischen 10.00 und 23.00 Uhr. Der dortigen Polizeiinspektion kam es darauf an, daß täglich mindestens ein Angehöriger der Sicherheitswacht einen Dienst verrichtet, um eine möglichst breite Wahrnehmung zu erreichen. Zur Dienstplanung teilten alle SIWAs dem zuständigen Betreuer mit, zu welchen Zeiten sie jeweils Streife laufen konnten; auf dieser Basis wurden dann die Dienstpläne koordiniert. Deren Einhaltung wurde insofern überwacht, als sich SIWAs grundsätzlich an die eingeteilten Zeiten halten mußten, wobei jedoch Ausnahmen gemacht werden konnten. Allerdings war es nicht möglich, sich seine Streifenpartner und Partnerinnen auszuwählen, obschon sich manch einer dies wünschte, denn mit der Zeit entwickelten sich gewisse Sympathien und Antipathien unter den SIWAs.

Den räumlichen Zuständigkeitsbereich der Ingolstädter Sicherheitswacht teilte man in 17 Streifenbezirke ein, die in ausgewählten Stadtvierteln lagen. Auwahlkriterien waren hier die Sicherheitsbedürfnisse in der Stadt Ingolstadt und Überlegungen, wo die Sicherheitswacht wohl am effektivsten und vor allem für die Bevölkerung am sichtbarsten eingesetzt werden könnte. Dabei teilte sich allein das unmittelbare Zentrum auf zwei Streifenbezirke auf; in diesen befinden sich die Fußgängerzone sowie Schulen, Kirchen und Behörden - also ein Bereich, wo überdurchschnittlich viele Leute zu Fuß unterwegs sind. Die Wahrscheinlichkeit der Verübung von Straßenkriminalitätsdelikten wird hier als relativ hoch eingeschätzt. Ein neuralgischer Punkt ist der Rathausplatz, auf dem sich abends deutsche und ausländische Jugendliche treffen, um miteinander zu reden, Musik zu hören und auch Alkohol zu trinken. Einige Anwohner beschwerten sich schon über den Lärm, den die Jugendlichen verursachten, insbesondere Abgeordnete aus dem Rathaus wie auch ein Geistlicher aus dem anliegenden Pfarrhaus fühlen sich von den Jugendlichen gestört.

Ebenso kritisch wird das ‘Bermuda-Dreieck’ eingestuft - ein Gebiet, wo zahlreiche Gaststätten und Diskotheken angesiedelt sind. Weitere Schwerpunkte sind der Busbahnhof vor dem Polizeigebäude, wo sich Jugendliche und Obdachlose aufhalten, und die zahlreichen Tiefgaragen, wo insbesondere Frauen Opfer einer Straftat werden könnten oder die Gefahr eines Autodiebstahls gegeben ist. Die halbkreisförmige Innenstadt wird unmittelbar von einem Streifenbezirk umschlossen, der einem ringförmigen Grüngürtel entspricht. Hier sollen Parkanlagen und Grünflächen insbesondere in den Abendstunden überwacht werden. Unmittelbar hinter dem Grüngürtel, in nordwestlicher Richtung, schließt sich ein weiterer Streifenbezirk an, der im Sprachgebrauch der lokalen Bevölkerung als ‘Glasscherben-Viertel’ bezeichnet wird. Auch die Polizei sieht es, gemessen an der Sozialstruktur und an den dort verübten Straftaten, als das problematischste Viertel von Ingolstadt und als ‘sozialen Brennpunkt’ an, der durch hohe Bebauungs- und Bevölkerungsdichte und einen relativ hohen Anteil an sozial Schwachen, Gastarbeiter- und Aussiedlerfamilien gekennzeichnet ist. Innerhalb der Polizei wird prognostiziert, daß der geplante weitere Sozialwohnungsbau die bestehenden Probleme in den nächsten Jahren verschärfen wird.

Zwei ähnlich charakterisierbare Streifenbezirke liegen südlich und östlich vom Zentrum, und zwei weitere liegen räumlich mehr oder minder abgetrennt vom Innenstadtbereich. Einer davon ist charakterisiert durch das Klinikum sowie durch eine Großbaustelle. Hier wurden und werden zahlreiche Wohnungen gebaut, das Sicherheitsgefühl der neuen Bewohner soll durch die Sicherheitswacht in diesen Bezirken von Anfang an verbessert werden. Zusätzlich sollten die SIWAs im Sommer an verschiedenen, etwas außerhalb gelegenen Badeseen und in Naherholungsgebieten eingesetzt werden, auch um präventiv gegen mögliche Exhibitionisten wirken zu können. Des weiteren sind sieben Streifenbezirke auf Kleingartenanlagen verteilt, weil es dort vor einiger Zeit Einbrüche gegeben hatte. In Ingolstadt arbeiteten Polizeiinspektion und öffentlicher Nahverkehr zusammen, - so konnte das Einsatzgebiet rasch geändert werden, und z.B. bei schlechtem Wetter mußten die SIWAs nicht zu Fuß gehen, sondern konnten sich in die Busse des öffentlichen Nahverkehrs setzen, um auch dort präsent sein. Dafür erhielten sie verbilligte Jahreskarten, die sie auch privat nutzen durften. Als ‘Gegenleistung’ sollten sie auf Streife auch verstärkt Haltestellenhäuschen kontrollieren, um so zu verhindern, daß diese von Jugendlichen zerstört werden.

Nach einiger Zeit, so schien uns, handhabte man die Einsatzpläne nicht mehr strikt nach Vorgabe. Fand es ein Angehöriger der Sicherheitswacht beispielsweise sinnvoller, in einem anderen Streifengebiet zu gehen als vorgesehen, so tat er dies, ohne vorher eine offizielle ‘Genehmigung’ einzuholen. In einem Fall hatte der diensthabende Dienstgruppenleiter gehört, wie eine Person davon sprach, daß sie heute woanders gehen wollte. Über diese eigenmächtige Änderung gab es keine Diskussion, sie wurde derart problemlos toleriert, daß es den Anschein hatte, dies sei dem Beamten entweder nicht wichtig und/oder die Änderung sei völlig normal und ‘erlaubt’. Auch den Betreuern der Sicherheitswacht war, unseren Beobachtungen nach, immer weniger an einem flächendeckenden und damit einen auf die Verhinderung von Straßenkriminalität fokussierten, kontrollierenden Einsatz gelegen, als vielmehr an einen Einsatz mit veränderter Zielsetzung und damit veränderten Einsatzorten: statt Einfluß auf die ‘objektive’ Kriminalitätslage nehmen zu wollen, wollte man noch mehr als zu Beginn der Streifentätigkeit im April erreichen, daß möglichst viele Bürger die Sicherheitswacht zu Gesicht bekommen.

Stand die Zielsetzung ‘Präsenz’ zwar auch am Anfang des Modellversuches im Vordergrund, so erkannte man doch mit der Zeit, daß in den weiter entlegenen Streifenbezirken zu wenig Bürger unterwegs waren, als daß das Ziel adäquat zu erreichen war. Da man eben auch feststellte, daß die SIWAs auf die Straßenkriminalität in diesen Bezirken wenig Einfluß nehmen konnten, fielen im Herbst manche Streifenbezirke weg. Auch ging man in den etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Wohnvierteln zugunsten der Innenstadt weniger häufig Streife, weil letztere stärker von Bürgern frequentiert wird und weil die Wahrscheinlichkeit, daß Angehörige der Sicherheitswacht als solche wahrgenommen werden, damit größer ist.

In Deggendorf waren die Vorgaben für den Einsatz der Angehörigen der Sicherheitswacht wesentlich durch die Überlegungen des Inspektionsleiters bestimmt. Seine Entscheidungen spiegelten sein Verantwortungsbewußtsein den Sicherheitswachtangehörigen gegenüber wider. Der zeitliche Rahmen war zunächst auf den Tag begrenzt und wurde mit der Erfahrung der SIWAs ausgeweitet, was konkret heißt, daß im Monat April die Streifen vor allem am Nachmittag stattfanden, maximal aber bis 21 Uhr. Im Mai wurden die ersten Doppelstreifen bis 22 Uhr ausgeweitet, im Juni fanden immer mehr Streifen in den Abendstunden statt, was in dieser Jahreszeit auch wegen der in den Abendstunden entsprechend stärker frequentierten Parks und Anlagen sinnvoll erschien. Im Juli wurden Streifen vereinzelt bis 23 Uhr ausgedehnt, im August und September schließlich wurde in den Abendstunden verstärkt Streife gegangen. Aus Beobachtungen nach Ende der ersten Modellversuchsphase Ende September ist uns bekannt, daß mit der im Herbst immer frühzeitiger einsetzenden Dämmerung auch die Streifen wieder früher am Abend beendet wurden, also etwa im November nur noch ganz vereinzelt bis 23 Uhr Streifen stattfanden.

Je höher die Gefährdung der Angehörigen der Sicherheitswacht eingeschätzt wurde, desto eher wurden Doppelstreifen eingesetzt: In den Abendstunden von Anfang an, am Nachmittag hingegen fanden Einzelstreifen statt. Da die Unsicherheit bei einigen SIWAs gerade am Anfang zu groß war, als daß sie alleine Streife gehen wollten, begleiteten sich manche zunächst in Eigeninitiative gegenseitig ohne Ausrüstung und offiziellen Streifenauftrag. Für die (offiziellen) Doppelstreifen suchten sich die SIWAs ihre Partner selbständig aus und sprachen die Termine für die Streifen ab. Meist fanden sich auch feste Streifenpaare, die über längerer Zeit gemeinsam Doppelstreifen gingen. Ein weiterer Faktor, der die Entscheidung bezüglich Doppel- oder Einzelstreife beeinflußte, war die behördliche Zielsetzung vor allem in der ersten Zeit des Modellversuchs, möglichst starke Präsenz zu zeigen, um von möglichst vielen Bürgern wahrgenommen zu werden. Dies führte auch in Deggendorf dazu, daß die SIWAs im April beinahe ausschließlich Einzelstreife gingen und auch der bevorzugte Streifenbereich im Hinblick auf ihre ‘Sichtbarkeit’ schwerpunktmäßig in der Innenstadt lag.

Die zuständigen Polizeibeamten erstellten als örtlichen Rahmen für die Streifen einen Plan, der sieben Streifenbereiche umfaßt. Diese wurden für die Angehörigen der Sicherheitswacht zum einen auf einem Stadtplan eingezeichnet, den alle in Kopie erhielten, zum anderen wurde eine Übersicht über jeden Bereich erstellt, die alle Straßen und Orte von besonderer Bedeutung enthielt. Im Hinblick darauf, wo sich in der Regel die meisten Personen aufhalten, wurden vier der sechs Bereiche so eingeteilt, daß sie in den beiden zentralen Straßen der Innenstadt, dem Einkaufsviertel, zusammentreffen. Dadurch sollte erreicht werden, daß Abschnitte dieser Straßen von je zwei Streifenbereichen abgedeckt sind, und daß dadurch gerade hier die Frequenz der SIWAs erhöht wird. In diesen vier Innenstadtbereichen liegen verschiedene Parkanlagen, Behörden, das Hauptkrankenhaus, Tiefgaragen und die Asylbewerberunterkunft. Des weiteren gibt es zwei Streifenbereiche, die etwas abseits vom Zentrum liegen. Hier befinden sich ein Freibad (wo vor allem auf Fahrraddiebstähle geachtet werden sollte), ein Schul- und Sportzentrum und ein Industriegebiet (wo aufgrund gehäuft auftretenden Alarms bei einigen Firmen Präsenz gezeigt werden sollte) zum einen, und der Hauptbahnhof und die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber zum anderen. Außerdem gibt es noch einen siebten Bereich, der keine klare Eingrenzung erhielt. Den siebten Bereich zu ‘bestreifen’ hieß, das restliche Stadtgebiet außerhalb der oben genannten sechs Bereiche zu begehen.

Über den Einsatz äußerte sich der Großteil der Angehörigen der Sicherheitswacht, daß sie erwartet hätten, es ‘passiere’ mehr auf Streife. Einige waren ob der ‘Langweiligkeit’ des Streifendienstes etwas enttäuscht, wurden jedoch von den zuständigen Polizeibeamten vertröstet - und auch in ihren Vorstellungen über die ‘Spannung’ auf Streife gebremst. Gleichzeitig bemühte man sich z.B. in Ingolstadt sehr darum, die SIWAs zu motivieren, indem man ihnen klarzumachen versuchte, wie bedeutend sie für die Polizei und für die Gesellschaft seien.

Mit Fortschreiten des Modellversuchs nahm die Unzufriedenheit der Angehörigen der Sicherheitswacht nach eigenem Bekunden im allgemeinen zu. In größeren Runden, v.a. auf Fortbildungsveranstaltungen, wurde zwar geäußert, froh zu sein, nicht in gefährliche und komplizierte Fälle verwickelt worden zu sein, aber dennoch wurde zunehmend von Langeweile und fehlenden ‘Erfolgserlebnissen’ gesprochen. Symptomatisch für die Vorfälle im Streifendienst dürfte folgende Aussage des Sicherheitswachtangehörigen S1b sein:

B: Wenn’st überlegst, die=die Sektionen, wie die eingeteilt sind, da bist du da.

Und da unten passiert was=ist ja schon oft passiert.

I: Hn.

B: Das hörst halt dann am Funk. ‘Da waren wir doch erst vor einer halben

Stunde.’

I: Hn.

B: Da war’s absolut ruhig.

I: Hn.

B: Und dann, nach zehn Minuten auf einmal, das Riesen-Aufgebot an Polizei und

eine Riesen-Hektik, gell.

I: Hn.

B: Dann sind wir schon wieder ganz woanders. (Z. 213-223)

Ein kleiner Trost schien für viele das Gehen von Doppelstreifen zu sein, da durch die Möglichkeit, sich zu unterhalten, die Zeit schneller zu verstreichen schien. Dabei wünschte sich mancher beispielsweise in Ingolstadt, sich seinen Partner wählen zu dürfen. In Nürnberg hingegen, wo dies möglich ist, empfinden es einige als Eingriff in ihre Privatsphäre, wenn man sich den Kollegen selbst suchen muß. Wohl nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund von Sympathien und Antipathien haben sich gängige "Teams" herausgebildet, die oft zusammen Dienst tun.

In Ingolstadt schieden während der ersten Modellversuchsphase zum 30.06. und zum 31.07.94 zwei weibliche Angehörige aus der bayerischen Sicherheitswacht aus. Offizielle Gründe waren bei einer Frau eine Arbeitsüberlastung im Hauptberuf und bei einer anderen Frau eine Verlobung, die einen Ortswechsel mit sich zog. In Deggendorf schied am Ende der ersten Modellversuchsphase eine Person aus beruflichen Gründen aus.

Zum Ende der ersten Modellversuchsphase am 30.09.94 leisteten also insgesamt 34 Sicherheitswachtangehörige ihren Streifendienst ab, und zwar

in Nürnberg 17: 13 Männer (darunter 1 Ausländer), 4 Frauen;

in Ingolstadt 10: 7 Männer (darunter 1 Ausländer), 3 Frauen;

in Deggendorf 7: 5 Männer, 2 Frauen;

insgesamt 34: 25 Männer (darunter 2 Ausländer), 9 Frauen.

 

Fortbildung

Laut Vollzugsordnung zum SEG sollten die Angehörigen der Sicherheitswacht mindestens alle drei Monate zu einer Fortbildungsveranstaltung zusammenkommen; tatsächlich fanden diese Veranstaltungen in allen drei Städten einmal im Monat statt. Des weiteren sieht die Vollzugsordnung vor, daß die Angehörigen der Sicherheitswacht ‘an diversen Besprechungen der Polizeiinspektion’ teilnehmen sollen, falls dies notwendig sein sollte. Eine Teilnahme an solchen Veranstaltungen ist uns jedoch nicht bekanntgeworden. Im allgemeinen interessierte man sich, unseren Beobachtungen nach, auch nicht für solche polizeiinternen Besprechungen.

Die Fortbildungsveranstaltungen fanden zumeist einmal monatlich abends statt. Während dieser "Treffen" (1) sollten die im Einsatz gewonnenen Erfahrungen mit den Ausbildungsleitern bzw. Leitern der Polizeiinspektion besprochen werden. Zuerst sprach zumeist der Leiter der Polizeiinspektion oder ein anderer für die Sicherheitswacht zuständiger Beamter über Interna und gab allgemeine Hinweise. Zumeist wurden von seiten der Polizei formelle Anliegen wie die Weitergabe von Informationen und Presseberichten behandelt. Dann ergriff der den Einsatz betreuende Polizeibeamte das Wort und bewertete auf der Basis der Streifenberichte die getroffenen Maßnahmen der Angehörigen der Sicherheitswacht. Damit diese ihre Arbeit einschätzen konnten und dazulernten, wurde ihnen beispielhaft aufgezeigt, was an ihrem Handeln richtig und was unnötig oder ungenügend gewesen war, woraus sich meist Gespräche entwickelten, die die SIWAs nutzten, um sich die Sachverhalte nochmals erklären zu lassen und Fragen zu stellen. Die Angehörigen der Sicherheitswacht konnten dabei Verbesserungsvorschläge machen und Kritik anbringen. Am Ende sammelte der Einsatzplaner für die Streifen die möglichen Termine. Die Fortbildungsveranstaltungen waren stets gut besucht, denn zum einen hatte man hier Anbindung an die Polizeiinspektion und konnte zum Streifendienst oder zum passenden Verhalten Fragen stellen und Erfahrungen austauschen. Zum anderen wurde auch die Teilnahme an diesen Veranstaltungen mit 12,- DM entschädigt, was ein zusätzlicher Anreiz gewesen sein dürfte. Dennoch schien das Interesse an den Treffen langsam abzunehmen; einige hätten das anschließende ‘ungezwungenere’ Beisammensein gerne vorverlegt: Danach traf man sich zumeist in einer Gaststätte, auch, um sich über Streifenerfahrungen auszutauschen, die man in der offiziellen Runde und vor Polizeibeamten nicht erwähnt hatte.

In Nürnberg fand die Fortbildung an jedem ersten Dienstag im Monat von 18.00 bis 20.00 Uhr statt. Wie in den anderen Modellstädten auch wurden hier nicht nur die Anliegen der Polizisten, sondern auch die der Angehörigen der Sicherheitswacht besprochen: Diese machten Vorschläge zu Themen der Fortbildungen, z.B. die Unterrichtung in einem Erste-Hilfe-Kurs, im Verhalten vor Gericht und im Umgang mit der Ausrüstung. Diese Themenvorschläge wurden auch z.T. realisiert, so stand eine Fortbildung im November im Zeichen eines Erste-Hilfe-Kurses. Darüberhinaus wurden Probleme auf Streife besprochen, beispielsweise die permanente Frage, wie eine Situation einzuschätzen ist und wie dann zu handeln wäre. In Ingolstadt begannen die Fortbildungen um 18.30 Uhr und endeten gegen 21.30 Uhr. Dabei informierte der Leiter der PI auch zu Überlegungen bezüglich der Zukunft des Modellversuchs bzw. über positive wie negative Reaktionen. An dieser Stelle folgten meist ein Plädoyer für die Philosophie der Sicherheitswacht und viel Lob für die Engagierten. Auch in Deggendorf war ein Ziel dieser Veranstaltung, einen Streifenplan für den nächsten Monat zu erstellen, wobei hierfür zu Anfang der stellvertretende Inspektionsleiter zuständig war, die SIWAs dies jedoch zunehmend in Eigenverantwortung übernahmen und den vorläufigen Plan dann zur Abstimmung mit den speziellen Erfordernissen dem stellvertretenden Inspektionsleiter übergaben.

(1) In der Umgangssprache setzte sich zumeist diese Bezeichnung durch. Es fand kaum neue Stoffvermittlung statt, und so empfand man den Begriff "Fortbildung" als zu hoch gegriffen.