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Vorwort

In der guten alten Zeit war Umwelt im Überfluß vorhanden, das Wetter wurde vom lieben Gott gemacht, und das Klima war eine Naturkonstante, die von der Schöpfung bis ans Ende aller Tage das Schicksal ganzer Kontinente bestimmte.

So schien es jedenfalls. Allein der Gedanke, der Mensch könnte etwas mit dem Wetter oder gar dem Klima zu tun haben, wäre nicht nur absurd, sondern geradezu gotteslästerlich gewesen.

Daran änderte sich auch nichts, als die Wissenschaft sich dieser Themen bemächtigte. Die naturwissenschaftlichen Versuche, den Ursachen und Determinanten von Klima und Wetter auf die Spur zu kommen und dessen scheinbare Zufälligkeiten und Bedrohungen in immer besseren Modellen und Theorien zu erfassen, zu begreifen und vorhersagbar zu machen, standen ganz in der Tradition der modernen Wissenschaft, sich von unbegriffenen Kräften und Mächten zu emanzipieren. Von einer Übernahme der Regie über Wind und Wolken war nie die Rede.

Dieses Thema kam eher durch die Hintertür herein, und auch da - um im religiösen Bild zu bleiben - nicht als Blasphemie einer gottlos gewordenen Welt, sondern als endzeitliche Prophetie, als Vision vom Um-Weltuntergang. Erstmals wurde Umwelt als verletzlich und der Mensch als möglicher Verursacher von Umweltkatastrophen begriffen.

Das ist noch nicht lange her. Als Anfang der 1960er Jahre im nordrhein-westfälischen Wahlkampf mit dem Slogan "Blauer Himmel über der Ruhr" geworben wurde, rief das noch weithin Kopfschütteln hervor. Primaner mußten Aufsätze schreiben, ob dies denn wirklich ein politisches Thema sei.

Die Zeiten hätten sich nicht gründlicher wandeln können. Auch wenn die Forschung der Naturwissenschaften nach wie vor unverzichtbar ist, so ist das Klima doch schwerpunktmäßig längst im Bereich von Gesellschaft und Politik gelandet. Eine Serie aufwendiger internationaler Konferenzen wurde ins Leben gerufen; gerade ist die in Bonn mit eher magerem Ergebnis zu Ende gegangen. Die dominierenden Themen sind längst dem sozialwissenschaftlichen Arsenal entnommen: Da geht es um Globalisierung, nationale und internationale Verteilungskonflikte und Verteilungsgerechtigkeit, um den Widerstreit zwischen Ökonomie und Ökologie, um Arbeitsplätze, internationale Wettbewerbsfähigkeit und um die Frage, ob wir uns eine ethische Politik leisten können.

Bei allen Fragen schlagen die alten Frontstellungen auch in der Klima-Debatte wieder voll durch: Ökonomie versus Ökologie, Umsatz versus Moral, Industrie- versus Entwicklungsländer und dergleichen mehr. In der geradezu aberwitzigen Debatte um die Käuflichkeit von Klimaschädigungsrechten ist das ganze politische, soziale und ethische Dilemma der Weltgesellschaft auf den Punkt gebracht. An keiner anderen Einzelfrage der Klima-Problematik läßt sich so deutlich der politisch-moralische Sumpf aufzeigen, in dem die Interessenpolitiker herumtappen, unfähig, ihre überholten Denk- und Handlungsweisen zu korrigieren und neuartigen Erfordernissen anzupassen.

Die 122 Veröffentlichungen und Forschungsprojekte aus den Jahren 1996-1999, die in dieser Dokumentation dargestellt werden, befassen sich mit den unterschiedlichsten sozialwissenschaftlichen Aspekten der Klima-Problematik:

Die Kapitel 1 und 2 beziehen sich auf die "Politisierung des Klimas" allgemein, also auf den Prozeß, der das Klima zu einem wesentlichen Punkt im gesellschaftlich-politischen Diskurs macht, auf die Etablierung einer eigenen Klima-Politik und vor allem auf die internationalen Beziehungen.

Kapitel 3 befaßt sich speziell mit dem bereits erwähnten Thema der Verteilungsgerechtigkeit. Gibt es einen Markt, duldet die Völkergemeinschaft einen Markt, auf dem man Klimazerstörungsrechte kaufen kann, die einen von eigenen Bemühungen um die Reduktion von Schadstoff-emission freistellen?

Die Kapitel 4 und 5 befassen sich mit eher traditionellen Themen der Umwelt- und Klimadebatte: Analysen des Klimas, Prognosen der zukünftigen Entwicklung, falls nicht rechtzeitig und entschieden gegengesteuert wird, und Erörterung von Gegenmaßnahmen. Kapitel 5 allerdings führt die in allen Bereichen ausgetragenen Konflikte - ökonomisch, politisch, sozial, ethisch - zu ihrem logischen Ende, nämlich bis hin zur Möglichkeit des militärischen Konflikts - dem Krieg.

Die Kapitel 6 und 7 spannen den Bogen vom öffentlichen Bewußtsein über die Umsetzung notwendiger Maßnahmen auf allen gesellschaftlichen und betrieblichen Ebenen (Umweltökonomie, ökologische Marktwirtschaft, Öko-Auditing etc.) bis hin zum Einzelnen und seiner Bereitschaft, der richtigen Erkenntnis auch individuelles klimabewußtes Handeln folgen zu lassen.

Kapitel 8 schließlich ist den Ansätzen zu einer Umwelt-Ethik gewidmet. Hier wurde ausnahmsweise die Perspektive vom Teilaspekt Klima auf die gesamte Umwelt ausgeweitet.

 

Helmut M. Artus

Bonn, im November 1999

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Alle Beschreibungen von Veröffentlichungen und Forschungsprojekten sind den IZ-Datenbanken SOLIS (Sozialwissenschaftliches Literaturinformationssystem) und FORIS (Forschungsinfor-mationssystem) entnommen.

Die Datenbank SOLIS stützt sich vorwiegend auf deutschsprachige Veröffentlichungen, d.h. Zeitschriftenaufsätze, Monographien, Beiträge in Sammelwerken sowie auf Graue Literatur in den zentralen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Wesentliche Quellen zur Informationsgewinnung für FORIS sind Erhebungen in den deutschsprachigen Ländern bei Institutionen, die sozialwissenschaftliche Forschung betreiben. Der Fragebogen zur Meldung neuer Projekte steht permanent im Internet unter http://www.bonn.iz-soz.de zur Verfügung.

Literaturhinweise sind durch ein "-L" nach der laufenden Nummer gekennzeichnet, Forschungsnachweise durch ein "-F". Hinweis: Alle Zahlenangaben in den Registern beziehen sich auf diese laufenden Nummern der Eintragungen, nicht auf Seitenzahlen.


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