Elisabeth M. Krekel, Renate Ohly, Annette Vogel

Soziologische Beratung im Berufsverband Deutscher Soziologen - aus der Sicht der Köln-Bonner-Regionalgruppe

Mit der Tagung für angewandte Soziologie im März 1996 wurde die Auseinandersetzung um das Thema "Soziologische Beratung" im Berufsverband Deutscher Soziologen angestoßen und institutionalisiert. Ziel dieses Beitrages ist es, einen kurzen Überblick über die verschiedenen Aktivitäten sowie einen Ausblick über die zukünftigen Vorhaben zu geben. Dabei soll der Beitrag die Vielfältigkeit der Diskussion widerspiegeln und den Stand nach zwei Jahren dokumentieren. Im einzelnen berichten wir über: Die Tagung für angewandte Soziologie, die Diskussionen in Regionalgruppen, BDS-Veröffentlichungen zur soziologischen Beratung sowie die BDS-Qualifizierungsinitiative zur Vermittlung von Beratungsqualifikationen und geben einen kleinen Ausblick über geplante Aktivitäten.

1 Die Tagung für angewandte Soziologie

Der Startschuß für eine systematische Bearbeitung des Themas "soziologische Beratung" wurde mit der IX. Tagung für angewandte Soziologie im März 1996 in Köln gelegt; mittlerweile wird dieses Thema in vielfältiger Weise im Berufsverband bearbeitet.

"Soziologische Beratung" wurde zum Tagungsthema, da ein großer Teil der Verbandsmitglieder in beratenden Berufen oder in Berufen mit Beratungsanteil tätig sind. Beratende Berufe - als eine Wachstumsbranche - bieten Chancen für junge SoziologInnen, nach dem Studium einen Berufseinstieg zu finden. Daß hiermit "das richtige Thema zur richtigen Zeit" gewählt wurde, geht aus der regen Teilnahme an der Tagung hervor, die deutlich höher als in den Jahren zuvor lag.

Auf der Tagung für angewandte Soziologie wurden, ausgehend von den theoretischen Grundlagen und der Zukunft soziologischer Beratung, die unterschiedlichen Beratungsansätze in den verschiedenen Anwendungsbereichen vorgestellt: Unternehmens-, Politik-, Umwelt-, Organisations- und Personalberatung, Bildungs- und Berufsberatung, Beratung im Sozialbereich und in der Medizin. Neben den einzelnen Beratungsfeldern wurde auch über die Notwendigkeit einer "Ausbildung zum Berater / zur Beraterin" diskutiert.

Die vielen und durchaus auch kontrovers geführten Diskussionen auf der Tagung gaben Anlaß, dieses Thema weiter zu bearbeiten und zu vertiefen. Im Vordergrund der vertiefenden Diskussionen standen dabei zum einen die notwendigen Grundqualifikationen für beratende Berufe sowie die unterschiedlichen Ansätzen in einzelnen Beratungsfeldern. Hierzu sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den einzelnen Beratungsfeldern herausgearbeitet werden. Zum anderen sollte das Selbstverständnis soziologischer Beratung behandelt werden.

2 Diskussionen in Regionalgruppen

Seit der Tagung für angewandte Soziologie beschäftigt sich die Regionalgruppe Köln-Bonn intensiv mit dem Thema soziologische Beratung. Dabei wurde über verschiedene Schwerpunkte diskutiert, und zwar über:

- die Perspektive aller Beteiligten(gruppen) einnehmen und in der Lage sind "Systemebenensprünge", d.h. einen Wechsel der Beratungsebenen vorzunehmen,

Nicht nur in der Köln-Bonner Regionalgruppe wird das Thema "Soziologische Beratung" diskutiert. Ebenso hat sich in München eine Regionalgruppe von SoziologInnen aus Beratungpraxis und Beratungsforschung gebildet. In dieser Gruppe werden Fragen thematisiert wie:

Darüber hinaus werden DiskussionspartnerInnen aus dem Grenzbereich von Soziologie und Beratung eingeladen.

Die beiden Regionalgruppen in München und Köln-Bonn stehen seit einiger Zeit in engem Kontakt miteinander. Dieser Kontakt entstand eher zufällig. Leider ist es uns bisher noch nicht gelungen, Kontakte zu anderen Regionalgruppen zu knüpfen, die sich mit dem Thema "Soziologische Beratung" beschäftigen. Wir würden uns freuen, wenn sich durch diesen Artikel Beratungs-Regionalgruppen in anderen Teilen Deutschlands angesprochen fühlen und Kontakt mit uns aufnehmen. Wir halten eine Vernetzung der soziologischen BeraterInnen untereinander sowie mit anderen beratenden Berufen für sehr sinnvoll, damit gemeinsame und unterschiedliche Beratungsansätze gefunden und präzisiert werden können.

3 Veröffentlichungen zu soziologischer Beratung

Ebenfalls gab die Tagung für angewandte Soziologie mit ihrem begleitenden Tagungsband Anstoß für weitere Veröffentlichungen zu diesem Thema. So war die Regionalgruppe Köln-Bonn der Auffassung, daß einer aktiven Professionalisierungspolitik der soziologischen Beratung im Berufsverband zunächst eine interne Diskussion über Möglichkeiten und Aspekte der Standardisierung des Beratungshandelns vorausgehen sollte. Im Kontext dieser Diskussion ist der Beitrag "Grundlagen und Qualifikationen soziologischer Beratung" entstanden. Beywl, Krekel und Lehmann wollen eine erste Präzisierung des Berufsfelds erreichen und verstehen ihren Beitrag als Anregung zur Diskussion darüber, was SoziologInnen unter "soziologischer Beratung" verstehen können (Definition, Grundlagen sowie Abgrenzungen zu anderen Berufsfeldern) bzw. wie das Feld Dritten gegenüber präsentiert werden kann. Außerdem sollen Ziele und professionelle Voraussetzungen verantwortlicher Beratung benannt werden, durch die sie sich gerade als soziologische Beratung legitimiert. Ein weiterer Abschnitt befaßt sich mit Instrumenten sowie Vorgehensweisen, die eine soziologische Beratung charakterisieren.

Bei den Fragen nach den notwendigen Kompetenzen werden neben allgemeinen kommunikativen Fähigkeiten für Rezeption und Transfer im Beratungshandeln als Kernkompetenzen das fachliche Wissen, die methodische Qualifikation sowie persönliche Eigenschaften genannt, die z.T. im Studium, in besonderer Schulung oder in der Praxis erworben oder weiterentwickelt werden könnten. Darüber hinaus werden Berufsstandards i.S. eines Ehrenkodex für soziologische Beratung reflektiert.

Kritische Anmerkungen zum Diskussionsbeitrag von Beywl, Krekel und Lehmann werden von Joas vorgetragen. Der Autor begrüßt generell die vorgelegten Ausführungen als Versuch einer kategorialen Ordnung wichtiger Fragen zur Qualifizierung für soziologische Beratung, vermißt jedoch in einzelnen Fällen eine ausreichende Präzisierung bzw. Systematisierung. Daß es eine im engeren Sinne soziologische Beratung tatsächlich gibt, wird angezweifelt angesichts der Notwendigkeit vielfältiger Kompetenzen in der Praxis. Joas zitiert in diesem Zusammenhang entsprechende Äußerungen von Lehmann und empfiehlt, statt von einer im engeren Sinne soziologischen Beratung nach den Erfahrungen der Praxis vielmehr von soziologischen Kompetenzen in der Beratung zu sprechen.

Zu dieser eher professionspolitischen, thesenartigen Auseinandersetzung mit Grundlagen und Qualifikationen soziologischer Beratung erschien parallel eine stärker theoretische Erörterung des Beratungsthemas in einem Beitrag von Eiben, Krekel und Saurwein. Ausgehend von einem zunehmenden Bedarf an Beratung in modernen Gesellschaften werden folgende Fragen angesprochen: Wie ist Beratung organisiert? In welchen institutionellen Kontexten findet sie statt? Welche Qualifikationen müssen BeraterInnen vorweisen? Welche strukturellen Voraussetzungen für die Professionalisierung von Beratung gibt es? Welche Auswirkungen haben bestimmte strukturelle Bedingungen auf die Beratungssituation?

Aus der Sicht des soziologischen Praktikers werden in einem Beitrag von Lehmann Ansprüche an eine Beraterqualifizierung formuliert. Den Ausgangspunkt für die Überlegungen des Autors bilden die Diskussionen über die soziologische Beraterqualifizierung auf der IX. Tagung für angewandte Soziologie in Köln. Angesichts eines allgemein wachsenden Interesses am Beratungsberuf wird auch ein zunehmendes Interesse bei SoziologInnen an einer Beratungsqualifizierung konstatiert. Diesem Interesse könne das Studium nur zum Teil gerecht werden. Der private Markt an zusätzlichen Beratungsqualifizierungen könne nicht als transparent bezeichnet werden. Bereits vorhanden seien jedoch wichtige Basisqualifikationen von SoziologInnen für den Beratungsberuf in den Bereichen systemtheoretisches Wissen, ideologiekritische Betrachtung sowie Methoden-Know-How. Diese Grundqualifikationen von SoziologInnen müßten allerdings den Erfordernissen der Praxis angepaßt und erweitert werden. Es werden kritische Frage zur Bewertung derartiger Weiterqualifizierungen formuliert.

Völlig neue Zusatzqualifizierungen müsse nach Ansicht des Autors der zukünftige soziologische Berater/ die Beraterin jedoch erwerben in den Bereichen Beratungsmethodik, kommunikative Fähigkeiten, Einzel- und Gruppenarbeitstechniken, Projektmanagement, Marketing sowie Effizienzverbesserung von Arbeitsprozessen. Der Autor formuliert Qualitätskriterien, die im einzelnen an solche Zusatzprogramme zu stellen seien. Entscheidend sei vor allem eine praxisnahe Ausbildung, verbunden mit individuellem Coaching.

4 Qualifizierungsinitiative zur Vermittlung von Beratungsqualifikationen

Eine besondere Form, Beratungsqualifikationen zu erwerben, ist im Rahmen des BDS mit der Initiative "Praxisnahe Qualifizierung und Einstieg in freiberufliche Beratungstätigkeit als Soziologe" entstanden. Diese Initiative von Soziologen, die beratend tätig sind, soll jungen HochschulabsolventInnen den Einstieg in eine freiberufliche Beratungstätigkeit ermöglichen. Sogenannte "Senioren" führen sogenannte "Junioren" schrittweise in die Beratungspraxis ein. Gewählt wurde hierfür die Form eines "selbstgesteuerten Organisationsprozesses". Aufgrund dieser Organisationsform können immer nur wenige Interessierte aufgenommen werden. Momentan besteht die Gruppe aus drei Teilnehmern (Junior Berater) und drei Ausbilder (Senior Berater), also optimale Besetzung. Die Initiative wurde Anfang dieses Jahres gestartet, eine erste Zwischenbilanz kann Anfang 1999 gezogen werden.

5. Ausblick

Das Thema soziologische Beratung soll weiterhin ein Schwerpunktthema des BDS und der Regionalgruppe Köln-Bonn sein. Zur weiteren Professionalisierung ist eine Intensivierung der Diskussion um Qualitäts- bzw. Evaluierungsmaßstäbe geplant. Darüber hinaus wird eine Vernetzung der soziologischen BeraterInnen untereinander sowie zu anderen beratenden Berufen angestrebt, um gemeinsame und spezifische Beratungsansätze herauszuarbeiten. Hierzu wurde eine Mailing-Liste eingerichtet. Interessierte können die Liste soziologische­beratung@uni-koeln.de jederzeit subskribieren und erhalten dann über E-Mail jeweils die neuesten Nachrichten aus den Beratungsgruppen.

Weiterführende Diskussionen sollen regelmäßig anläßlich der Tagung für angewandte Soziologie (nächster Termin: Frühjahr 1999) sowie des Soziologiekongresses (nächster Termin: September 1998) geführt werden.

Dr. Elisabeth M. Krekel
Bundesinstitut für Berufsbildung
Friesdorferstr. 151-153
53175 Bonn
Tel.: 0228/388-228
Fax.: 0228/388-219
E-Mail: krekel@bibb.de

Dipl.-Volksw.sozw.R. Renate Ohly
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Tel. 0228/311678
E-Mail: oy@bonn.iz-soz.de

Annette Vogel
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung
Lothringer Str. 78
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Tel.: 0221/33605-15
Fax.: 0221/33605-55
E-Mail: annette.vogel@uni-koeln.de