'Gute Gesellschaft?', 30. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,

26.-29. September 2000 Köln

 

Ad-Hoc-Gruppe 29: Multimedialer Theoriediskurs

http://www.bonn.iz-soz.de/bds-kb/KfSKoeln00.htm

Leitung: H. Peter Ohly, Informationszentrum Sozialwissenschaften, Bonn

Dienstag 26.9.00

 

Multimedia und Automation finden in der Alltagswelt, bedingt durch die Verbreitung von PC, CD-ROMs und Internet mit entsprechenden graphischen und interaktiven Möglichkeiten breite Akzeptanz. In der Wissenschaft dagegen haben sie eher nur einen beiläufigen Stellenwert, etwa in Rahmen einer populärwissenschaftlichen Vermittlung von soziologischen Erkenntnissen oder Arbeitsweisen.

 

Sozialwissenschaftliche Theorien werden klassischer Weise durch Zitate, Argumentationen, Analogien und Fallbeschreibungen, also auf sprachlicher Ebene, in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht. Andererseits behauptet sich im Forschungsprozess ein mathematisch-statistisches Verständnis von Gesetzesformulierungen und Argumentationsweisen, das zwar standardisiert aber andererseits nur wenig geeignet ist, eine Brücke zwischen empirisch begründbaren Aussagen und praktischen Implikationen von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schlagen.

 

Mehr aus der Richtung qualitativer Forschung und graphischem Design kommend lassen sich mittlerweile Zwischenbereiche eines ‘Wissensengineering’ ausloten, wo auf der Grundlage von formalisierter Analyse von Sprachinhalten und hypothetischer Verknüpfung von Konzepten dem Wissenschaftler erweiterte Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand gegeben werden. Mal lassen sich hiermit beschreibend und vergleichend bestehende Texte analysieren, um Konsistenz von Argumentationen und gegenseitige Bezüge von Autoren aufzuzeigen. Mal ist es der analysierende Forscher, der korrigierend und schlussfolgernd in ein bestehendes Theoriegebäude eingreift, um Mehrwert und Geschlossenheit eines heterogenen Ausgangsmaterials zu erreichen.

 

Ein solches multimedial gestütztes Vorgehen hat interpretative und gestalterische Komponenten, die anders als der herkömmliche wissenschaftliche Diskurs nicht alleine auf ‘Papier und Bleistift’, also der textgebundenen Vermittlung, beruhen. Vielmehr werden Automatisierungs- und Visualisierungshilfsmittel der neuen Medien genutzt, um kognitive, ergonomische und ästhetische Aspekte im Umgang mit wissenschaftlichen Textstücken explizit einzubringen und somit eine Annäherung an einen alltäglichen Umgang mit Wissenschaft zu erreichen.

 

Die bislang vorgesehenen Referenten sollen einerseits das weite, weil wenig kanonisierte, Spektrum an medialem wissenschaftlichen Einsatz darstellen. Zum anderen haben alle Referenten einen Bezug zu sprachlich ausgearbeiteten Theorien, wie denen von Niklas Luhmann, wodurch neben dem Technikeinsatz ein gemeinsamer theoretischer Nenner als Ausgangsbasis für eine fruchtbare Diskussion gebildet wird.

 

Diese Ad-Hoc-Gruppe versteht sich nicht als Präsentation einer bereits bestehenden in sich geschlossenen Arbeitsgruppe, vielmehr bringt sie gerade voneinander unabhängig entstandene Ansätze zusammen, um vergleichbare Zielsetzungen und Lösungen zu diskutieren. Hierbei reiht das Spektrum von Mind-Mapping über Wissensbasierung bis hin zu linguistisch-informationswissenschaftlicher Analyse.

 

H. Peter Ohly, Dipl. Volksw. sozw. Richtung
IZ Sozialwissenschaften
Lennestr. 30

53113 BONN
Tel.: +49-228-2281-142
Fax.: +49-228-2281-120
mailto:oh@bonn.iz-soz.de

 

 

Einzelbeiträge:

 

Stefan Asmus, Wuppertal:
Wissensproduktion und Wissensdesign mittels adaptativem Interface im WWW

 

Rainer Diaz-Bone:
Einsatz von Atlas/ti für die (Re)Konstruktion von Wissensordnungen

 

Christina Stoica, Essen:
Orientierungssystem zur Analyse und Simulation sozialer Komplexität

 

Petra Ahrweiler, Bielefeld:
Netzwerksimulationen von Wissenssystemen

 

Gerhard Budin, Wien:
Informationslinguistische Aspekte des Theorievergleichs

 

Elisabeth Wendebourg/ Klaus Feldmann, Hannover:
Geschlechtertheorie multimedial vermittelt

 

Christoph Lehner, Hildesheim:
Ein semiotischer Theorieansatz zur Beschreibung von mutlimedialen Lehr- und Lernangeboten

 

Giselher Redeker:
Dynamische Wissensorganisation für aktive Analyseprozesse qualitativer Daten im Internet
(nicht vorgetragen)

 

 

Adressen der Referent/inn/en, Abstracts und Langfassungen:

 

Ahrweiler, Dr. Petra
Institute for Science and Technology Studies
University of Bielefeld
Postf.
10 01 31

33501 Bielefeld
Tel.: 0049-521-106-4660
FAX: 0049-521-106-6033
mailto:petra.ahrweiler@post.uni-bielefeld.de

Netzwerksimulationen von Wissenssystemen

In sogenannten  Innovationsnetzwerken werden unter unterschiedlichen Weltsichten und Perspektiven der beteiligten Akteure Ziele und Inhalte von Forschung ausgehandelt, wobei divergierende Interessen und Kompetenzen um Deutungsprimate ringen. Im Rahmen der Analyse von Kontexten, in denen solche konzeptuellen Kontroversen ausgehandelt werden, stehen abermals konzeptuelle Kombinationsmöglichkeiten zur Diskussion: Akteure, Organisationen und Systeme werden zu medialen Vermittlungsinstanzen von Wissenssystemen. Die diskursiven Aushandlungsprozesse zwischen „Konzeptgebern“ in der Wissens- und Technologieproduktion können als Abstimmungsprobleme zwischen Wissenssystemen verstanden, im Rahmen des entwickelten Integrationsansatzes beschrieben und mit den oben angedeuteten Techniken simuliert werden.

 

 

Asmus, Dr. Stefan
Vertr. Prof. für Systemdesign
Kunsthochschule Kassel
Ludwigstr. 49
42105 Wuppertal
Tel :0202-244-33-31
Fax: 049 202-244-33-33

asmus@matrixx.de

Wissensproduktion und Wissensdesign mittels adaptativem Interface im WWW

Die Arbeit an theoriefähigen Systemen geht von zwei Prämissen aus: Der Abhängigkeit der Kommunikation von Materialität und der Dominanz technischer Systeme zur Erzeugung, Repräsentation und Nutzung von Komplexität. Wenn anerkannt wird, daß die Möglichkeiten und Grenzen medialer Repräsentation der Theorieentwicklung nicht äußerlich bleiben, so kann in der Interaktion mit digitalen Medien originäre Wissensproduktion erwartet werden. Kognitve Leistungen hängen hier überwiegend von gestaltungsrelevanten Parametern ab, wodurch sich bisheriges Wissensmanagement erweitert zu Wissensdesign.

 

 

Budin, Univ.-Doz. Mag. Dr. Gerhard
Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsforschung
Universität Wien

Sensengasse 8/10

1090 Wien
Tel: +43-1- 4277 47623
mailto:gerhard.budin@univie.ac.at

Informationslinguistische Aspekte des Theorievergleichs

Mit einer informationslinguistischen Analyse sozialwissenschaftlicher Diskurse soll das in diesen Diskursen ausgedrückte Wissen mit seinen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Dimensionen modelliert und damit für die Wissensverarbeitung aufbereitet werden. Diese Analyse basiert auf textlinguistischen, terminologischen und wissenschaftstheoretischen Methoden, die miteinander verwoben werden und durch entsprechende Computerwerkzeuge (inkl. Corpuslinguistik, Wissenstechnologien) unterstützt werden. In den Sozialwissenschaften sind Vergleiche zwischen Theorien, die u.U. miteinander in Konkurrenz stehen, von steigender erkenntnisbringender und argumentativer Bedeutung. Um auch die Methode des Theorienvergleichs mit den genannten Zugängen optimieren zu können, muss auch der konkrete Zweck, das Erkenntnisinteresse definiert und angegeben werden (Verteidigung einer bestimmten Theorie gegen eine andere; ‚neutraler‘ Vergleich von Theorien; Aufbau einer neuen Theorie und dem vorhergehende Untersuchungen zum ‚Stand der Forschung‘. Anhand einiger Fallbeispiele aus der Soziologie soll die erwähnte Methode genauer beschrieben und erprobt werden.

 

 

Diaz-Bone, Dipl.-Sozwiss. Rainer

Institut fuer Journalistik & Kommunikationsforschung

Hochschule fuer Musik und Theater Hannover (HfMTH)

Hohenzollernstrasse 47

30161 Hannover

Tel.: (+49) 0511-3100-488

Fax: (+49) 0511-3100-400

mailto:rainer.diaz-bone@hmt-hannover.de

Einsatz von Atlas/ti für die (Re)Konstruktion von Wissensordnungen

Die qualitative Datenanalysesoftware ATLAS/ti ist ein sozialwissenschaftliches Analysetool, dem die Methodologie der Grounded Theory unterliegt. Es ist nicht nur ein Retrieval-Programm für die Unterstützung qualitativer Textanalyse, sondern unterstützt auch die Theoriebildung aus ausgearbeiteten Kodes (Memos) und die Theorieabbildung in Form von Konzeptnetzwerken. Sein mögliches Anwendungsspektrum integriert sowohl den schnellen Zugriff auf Materialien (Text, aber auch Bild, Audio und Video), die theoriebildende Materialvernetzung als auch eine Verwendung als leistungsfähigen Theoriezettelkasten. Es sollen Aspekte der Software vorgestellt werden, die sie für die empirische Wissenssoziologie einsetzbar machen. Thematischer Rahmen dieser Präsentation ist ein Forschungsprojekt, in dem die Rekonstruktion von Genre-Wissensordnungen aus diskurstheoretischer Sicht durchgeführt wird. Neben einigen Ausführungen zum praktischen Einsatz sollen insbesondere methodologische Potentiale und Probleme hervorgehoben werden.

 

 

Lehner, Dr. Christoph
Universität Hildesheim
Institut f. Angewandte Sprachwissenschaft

Marienburger Platz 22

31141 Hildesheim

Tel.: 05121 883843
mailto:lehner@cl.uni-hildesheim.de

Ein semiotischer Theorieansatz zur Beschreibung von mutlimedialen Lehr- und Lernangeboten

Im diesem Beitrag soll es darum gehen, den theoretischen Rahmen für einen semiotischen Ansatz zu entwickeln, der es erlaubt, hoch im Kurs stehende Projekte zur 'Virtuellen Universität' jenseits von reiner Technologie zu untersuchen.  Nicht nur werden die Ebenen Daten, Information und Wissen im Zusammenhang mit mutlimedialen Lehr- und Lernumgebungen unzulässigerweise vermengt, es bleiben auch die kommunikativen und interpretativen Prozesse bei der Akquirierung von Wissen häufig zu wenig berücksichtigt. Die vorgestellt Theorie nimmt sich vor, diesem Dilemma zu begegnen. Die Architektur der Theorie stützt sich auf das strukturalistische Theorienkonzept nach Stegmüller/Sneed/Moulines u.a.

 

 

Redeker, Dipl.-Paed. Giselher /

Schneider, Dipl.-Biol. Olaf
Universitaet Bielefeld

Fakultaet fuer Paedagogik - AG 10

Informatik im Bildungs- und Sozialwesen

BMB+F-Leitprojekt 'L3 - LifeLong Learning'

Postfach 10 01 31

33501 Bielefeld

Tel.: +49/521/106-3312

Fax.: +49/521/106-6028

mailto:giselher.redeker@uni-bielefeld.de

Dynamische Wissensorganisation für aktive Analyseprozesse qualitativer Daten im Internet (nicht vorgetragen)

TIDE ist eine vollständig webbasierte, interaktive Lern- und Interpretationsumgebung für assoziative Analyseprozesse von Texten und multimedialen Objekten. Das Werkzeug ist ursprünglich im Kontext eines Forschungsprojektes zum Umgang mit digitalen Texten im Deutschunterricht entstanden und stellt einen symbolischen Erfahrungsraum zur Verfügung, der elementare wie auch komplexe  verbale, literale und pikturale Interpretationsleistungen fördert und fordert. Damit eröffnen sich jedoch auch neue methodologische Zugänge zu qualitativem, „weichem“ Datenmaterial. Dabei ist es egal, in welcher medialen Form das Ausgangsmaterial (Texte, Audio, Video) vorliegt. TIDE stellt komplexe Werkzeuge zum arrangieren, kennzeichnen und vernetzen von Texten und Textpassagen zur Verfügung und schafft damit Möglichkeiten des grafischen Arbeitens mit Texten. Zentrales Werkzeug der Analyse ist die „didaktische Textbox“, die gleichsam umfangreiche Möglichkeiten der Produktion und Rezeption zur Verfügung stellt. TIDE integriert unterschiedlichste (Analyse-) Werkzeuge mit dem Ausgangsmaterial unter einer einheitlichen Oberfläche. Damit ist auch ein radikaler Bruch mit der konventionellen Seitenmetapher verbunden, der es ermöglicht, die (Analyse-) Werkzeuge an den gleichen Ort des Ausgangsmaterials zu bringen.

 

 

Stoica, Wissenschaftliche Assistentin Dr. Christina
Universität - Gesamthochschule Essen
Hochschuldidaktisches Zentrum (HDZ)
Universitätsstr. 12

45141 Essen
Tel: 0201 183-3244
Fax 0201 183-3240
christina.stoica@uni-essen.de

Orientierungssystem zur Analyse und Simulation sozialer Komplexität

OSASK - Orientierungssystem zur Analyse und Simulation sozialer Komplexität - ist ein multimediales System, das neben der Verwendung von Simulationsprogrammen insbesondere die formale Rekonstruktion sozialwissenchaftlicher Texte ermöglicht. Dies geschieht einerseits durch das wissensbasierte System THEOPRO - Theorien in Prolog - und zum anderen durch den Einsatz bestimmter neuronaler Netze.Grundlagen der Rekonstruktionen sind Formalisierungen theoretischer Texte von u.a. Marx, Luhmann, Habermas, Searle und Weber. Einige spezielle Regelmoduln ermöglichen es, die verschiedenen Theorien aufeinander zu beziehen. Das Gesamtprogramm, das insbesondere regelmäßig in der Lehre eingesetzt wird, wird an Beispielen verdeutlicht.

 

 

Wendebourg, Elisabeth / Feldmann, Prof. Dr. Klaus

Univ. Hannover

FB Erziehungswissenschaften

Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik / Institut für Psychologie und Soziologie

Bismarckstr. 2

30173 Hannover

Tel. 0511-762-8545

wendebourg@erz.uni-hannover.de

feldmann@erz.uni-hannover.de

Geschlechtertheorie multimedial vermittelt

„Geschlecht verstehen“ ist eine multimediale Einführung in die Analyse von Werbebotschaften, die an der Universität Hannover entwickelt und erprobt wurde. Im Rahmen der Multimediaanwendung wurde eine eigene Theoriekonzeption entworfen, die einerseits aus Ergebnissen der Geschlechter- und Medienforschung entstanden ist, andererseits für die alltagstheoretischen Vorstellungen von Studierenden bzw. Personen mit höheren Bildungsabschlüssen anschlußfähig sein soll. Ein Ziel der Multimediaanwendung besteht darin, dass die Nutzer durch eigenständige Analysen, die Quasi-Forschungscharakter haben, nicht nur die Geschlechtertheorien besser rezipieren als durch traditonellen Hochschulunterricht, sondern dass auch ihre Alltagstheorien wissenschaftlich angereichert und für sie bewußter und situativ besser handhabbar werden. Im Rahmen der Präsentation wird schwerpunktartig die Aufgabe der Transformation und Neustrukturierung von in Publikationen angebotenen Geschlechter- und Medientheorien in der Multimediaanwendung dargestellt und diskutiert. Außerdem wird die Problematik der wissenschaftlichen Anreicherung bzw. Veränderung alltagstheoretischer Vorstellungen zu Geschlechterstereotypen und –rollen und der Erfassung solcher Wissens- und Einstellungsänderungen im Rahmen des Projekts besprochen.

 

 


10. Okt. 2000